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Klimacamp 2016: Beobachtungen und Einschätzungen [mit Slideshow]

Karsten Simon [ - Uhr]

Das Klimacamp vom 19.-29.08.2016 war ein großes Zeltlager auf einem Wiesengelände in Lützerath südlich von Wanlo entlang der L277.

Das kleine Dorf Lützerath wird von dem nach Westen wandernden Tagebau abgebaggert werden, und es leben nur noch wenige Menschen dort.

Das Campgelände ist vollständig und dicht von Büschen und Bäumen umgeben und dadurch gut gegen Einblick von außen geschützt.

Die Teilnehmerzahl schwankt je nach Datenquelle zwischen 800 (Veranstalter) und 500 (Polizei).

Darunter sind viele Ausländer, sodass neben Deutsch Englisch die zweite Sprache im Camp ist.

Auf dem freien Feld vor dem Lager stehen Zelte für Technik (Holz- und Metallbearbeitung, Stromerzeugung aus zahlreichen Photovoltaik-Modulen und vier selbst gebauten Windrädern) sowie die Autos der Teilnehmer, Kennzeichen überwiegend nicht aus NRW.

Das Klimacamp bietet das logistische und an vielen Stellen auch das ideologische Fundament für zwei aufeinanderfolgende Veranstaltungsreihen.

Das Lagerleben verläuft streng basisdemokratisch. Niemand soll in irgendeiner Weise benachteiligt werden.

Beispielsweise sieht man auch an diesen heißen Tagen keinen bloßen männlichen Oberkörper, weil das eine Benachteiligung der weiblichen Teilnehmer darstellt, die ihre Oberbekleidung anbehalten müssen.

Das Zeltlager beginnt mit der “ Degrowth-Sommerschule“, gefolgt vom sog. „Aktionslabor“.

„Degrowth“, sinngemäß übersetzbar mit „rückwärts wachsen“, ist eine Denkschule, die zeigen möchte, wie auch mit weniger Verbrauch an Geld und natürlichen Ressourcen dennoch ein gutes Leben möglich ist.

U.a. soll damit die nach Meinung ihrer Protagonisten derzeit betriebene Ausbeutung der Erde wieder ins Gleichgewicht gebracht werden.

Dazu bedarf es einer umfassenden „sozial-ökologischen Transformation“ – eine Systemänderung.

Die diesjährige Sommerschule will unter dem Generalthema „Skills for System Change“ die dafür benötigten Kenntnisse und Fertigkeiten vermitteln.

Die Degrowth-Bewegung wird u.a. von „Brot für die Welt“ und „Misereor“ massiv finanziell unterstützt.

Im anschließenden „Aktionslabor“ werden neue Formen des Protestes „gegen die Zerstörung unserer Zukunft und gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen vieler Menschen im hier und jetzt“ erarbeitet, mit denen die als notwendig angesehene „tiefgreifende gesellschaftliche Transformation“ vorangebracht werden soll.

Das sind vor allem kreative Aktionen mit hohem Aufmerksamkeitswert.

Den Akteuren ist es wichtig, dass „dabei keine Menschen gefährdet werden und auch lokale Strukturen respektiert werden“.

Der Anspruch von Degrowth geht jedoch um einiges weiter: „Wir haben das Recht, uns gegen die Zerstörung unserer Zukunft und gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen vieler Menschen im hier und jetzt zu wehren. Spätestens wenn alle legalen Mittel scheitern, wie das gerade der Fall ist, sind dafür auch Gesetzesübertretungen legitim“.

So in großer Zahl geschehen beim Klimacamp 2015, als Aktivisten in den Tagebau eindrangen und einen der gewaltigen Abraumbagger besetzten.

Die Kosten für das Lager betragen lt. Aushang im Camp vom 20.08.2016 etwa 128.500 €.

Bedeutende Kostenanteile sind für Internet-Kommunikation und Legal Aid (Rechtsberatung, juristische Unterstützung).

Zwei diesjährige Aktionen im Rahmen des „Aktionslabors“ sind z.B. der

Nacktprotest für die Sensibilität des Ökosystems

und der

Einbruch in die verlassene Schule im Umsiedlungsort Immerath mit Wiederaufnahme des Schulbetriebs als Lehranstalt für den Kohleausstieg

Der Eigentümer RWE hat die Besetzer wegen Hausfriedensbruch angezeigt.

Zu Beginn hatte es am 20.08.2016 einen Protestumzug vom bereits verlassenen Borschemich nach dem ebenfalls umzusiedelnden Keyenberg gegeben, wo er mit einem „Straßenfest“ im Park an der Plektrudisstraße endete.

Demo HEUTE: von Borschemich nach Keyenberg: „Kohle oder Zukunft?“

In den abschließenden Reden wurde u.a. die sofortige Abschaltung aller Braunkohlekraftwerke gefordert.

Sie seien nicht nötig, da auch ohne sie „das Licht nicht ausgeht“, auch seien sie zur Abdeckung der Residuallast (Differenz zwischen momentanem Strombedarf und schnell schwankender Produktion durch Wind und Sonne) überhaupt nicht geeignet.

Über die Kommentarfunktion bei http://www.klimacamp-im-rheinland.de/category/allgemein/page/2/ hatte ich daraufhin die Frage gestellt, wo dann an einem kalten, trüben, windstillen Herbsttag (deutschlandweit keine Sonne, kein Wind) die benötigten ca. 80 GW Netzleistung herkommen sollen.

Mein Post war anschließend nicht mehr auffindbar.

Die Straßenfestteilnehmer waren friedlich und blieben weitestgehend unter sich.

Keyenberger, die doch eigentlich unmittelbar betroffen sind, waren nicht dabei. Nur ein junges Paar mit Kinderwagen schaute eine Zeitlang vom Rand aus zu.

Das gesamte Geschehen wurde jedoch von der Polizei genau beobachtet, die an der gegenüber liegenden Straßenseite mit mehreren Fahrzeugen Präsenz zeigte.

Am 25.08.2016 versuchte eine Gruppe, von der Immerather Schule aus durch die A61-Unterführung zum Tagebau vorzudringen.

Auch hier waren nach meiner Beobachtung keine Einheimischen dabei.

Die Gruppe wurde von berittener Polizei und zahlreichen Mannschaftswagen eng eskortiert und durfte lediglich außen an dem brusthohen Markierungswall entlang gehen, den RWE durchgehend etwa 150 m vor der Tagebaukante neu angelegt hat, wohl als Reaktion auf die Ereignisse vor einem Jahr.

Meine Frage an zwei junge Frauen aus der Gruppe, wofür sie hier demonstrieren würden: es muss endlich und sofort die Braunkohleverstromung und damit verbundene CO2-Erzeugung aufhören, sodass in Bangladesch die Menschen nicht mehr im Hochwasser ertrinken.

Wir erzeugen sowieso zu viel Strom und exportieren diesen Überschuss.

Meinen Hinweis, dass immerhin 24 % unseres Stroms aus Braunkohle gewonnen wird, taten sie mit der Bemerkung ab, dann müssten wir im Sinne der Degrowth-Ziele diesen Anteil einsparen.

Erwartungsgemäß verhallte daraufhin mein Einwand, dass auf Deutschland nur etwa 2% des weltweiten energieerzeugungsbedingten CO2 entfallen und wir schon alleine deshalb die Welt nicht retten können.

Insgesamt scheinen aber alle Beteiligten diesmal auf Deeskalation bedacht. Der verantwortliche Aachener Polizeipräsident Dirk Weinspach lobt die Friedfertigkeit der Demonstranten und eine von der IG BCE angekündigte Gegendemonstration von RWE Mitarbeitern unter dem Motto „Schnauze voll – von Gewalt durch Ökoaktivisten!“ wurde wieder abgesagt und es gab stattdessen sogar eine erste

Begegnung zwischen IG BCE Vertretern und den Organisatoren des Klimacamps

Allerdings sind nicht alle Gründe für die Absage der Gegendemonstration wirklich klar. So gab es im Hintergrund Streit zwischen IG BCE und Verdi.

In der Folge entfernte die IG BCE das zunächst vorgesehene Verdi Symbol von ihren geplanten Protestfahnen.

Samstag, der 27.08.2016 war der Haupt-Aktionstag.

Die Polizei nimmt insgesamt 23 Demonstranten fest, die im Morgengrauen in die Grube eingedrungen sind, darunter einen Medienvertreter.

Später beendet sie noch eine Sitzblockade auf der L241

Nach Wertung der Polizei verliefen diesmal alle Protestaktionen weitestgehend friedlich.

Die Journalisten Jürgen Döschner (Energieexperte beim WDR) und Sebastian Weiermann berichten fortlaufend über Twitter.

Fotos: Karsten Simon

2 Kommentare zu “
Klimacamp 2016: Beobachtungen und Einschätzungen [mit Slideshow]”
  1. Pluto … Pluto … sind Sie nicht der, der mir in einem Kommentar hier mal ein Atomkraftwerk (oder war es ein Castor-Behälter? – egal) in den Garten gewünscht hat?

    Der gesamte Montag (22.08.) der Sommerschule war dem Thema „Utopien entwickeln“ gewidmet. Dafür sind solche schnöden Zahlen natürlich hinderlich.

    Wer sich dennoch dafür interessiert, wie andere Zahlenmenschen sich zum Klimacamp äußern:

    http://www.science-skeptical.de/blog/klimacamp-vorsicht-freilaufende-klimaaktivisten-bitte-nicht-fuettern/0015470/

  2. Lieber Herr Simon, es geht hier nicht primär darum die Welt zu retten.

    Es geht darum, einen Bewusstseinswandel herbeizuführen hin zu einer nachhaltigen Lebensweise die Umwelt und Natur und Gesundheit nicht übermäßig belastet.

    Und das schnellstmöglich. Wir orientieren uns da nicht an anderen oder irgendeiner Prozentzahl.

    Sie wissen doch, wer sich auf andere verlässt ist verlassen.

    Das ist wie in der Kindererziehung.

    Wenn sie da immer berücksichtigen würden was andere Kinder alles machen dürfen, dann brauchten sie mit der Erziehung gar nicht erst anzufangen.

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