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Russischer Musiker und Musikpädagoge Alexander Bill als Rückkehrer an den Niederrhein in den „Un-Ruhestand“

Manfred Welzel [ - Uhr]

[13.01.2017] Ein herzliches „Willkommen“ erfuhr Alexander Alexandrowitsch Bill am Samstag, den 07.01.2017, dem Tag des „russisch orthodoxen Weihnachtsfestes.“ Der herausragende Musiker und Musikpädagoge hatte sich nach Erreichen des Pensionsalters entschieden, aus der sibirischen Gebietshauptstadt Kemerovo an den Niederrhein zurückzukehren.

Nachdem er nur kurze Zeit brauchte, um sich wieder einzuleben, traf er sich mit einigen anderen Gründungsmitgliedern des „Raduga-Chores“ und des „Deutsch-Russischen Integrationsvereins e.V.“.

Alexander Bill hatte im Jahr 1998 bereits die künstlerische Leitung eines siebenköpfigen Frauenchores im Stadtteil Mönchengladbach-Wickrath übernommen.

Ein Teil des Chores gehörte zu den Gründern von DRIVE, dem „Deutsch-Russischen-Integrationsverein e.V.“

Geprobt wurde in den Gemeinschaftsräumen der Evangelischen Kirchengemeinde. Innerhalb sehr kurzer Zeit wuchs der Chor auf eine Mitgliederzahl von über 35 Personen, nun aber schon als gemischter, vierstimmiger Chor.

Die herausragende Qualifikation von Alexander Bill als Musiker und Musikpädagoge, hatte wohl durch Mundpropaganda zu dem erfreulichen personellen Zuwachs geführt.

Bei zahlreichen Konzerten konnte der Chor dann vor begeistertem Publikum Erfolge feiern.

Die andere, schmerzhafte Seite der Medaille war der Umstand, dass Alexander Bill keine, seiner beruflichen Qualifikation entsprechende Beschäftigung fand.

Ein Wohlfahrtsverband war dann schließlich bei der Vermittlung eines Arbeitsplatzes behilflich.

„Arbeit, statt Sozialhilfe“ nannte man eine Maßnahme des erweiterten, subventionierten Arbeitsmarktes.

In einem solchen Arbeitsverhältnis wurde Alexander Bill nun beschäftigt.

Ausgerechnet in der Mönchengladbacher Musikschule hatte man ihn damit betraut, Partituren und andere Werke zu archivieren.

Ein leidenschaftlicher, engagierter Musiklehrer, der zuhören durfte, wie bei uns Musik unterrichtet wird?

Dass so etwas nicht lange gut gehen konnte, musste jedem, der auch nur ein Mindestmaß an Empathie für die Zuwanderer aufgebracht hat, klar sein.

Alexanders Kinder hatten inzwischen fast alle eine erfolgsversprechende Existenzsicherung in verschiedenen Berufszweigen erreicht.

Seine Tochter Elvira hat an der Kölner Musikhochschule ein Gesangsstudium absolviert und tritt als Mezzosopranistin auf internationalen Bühnen erfolgreich auf, wobei damals schon deutlich wurde, dass sie sicherlich einer bedeutenden Karriere entgegen ging.

Die Kinder haben wohl auch dann Alexander nachdenklich gemacht. Einer der Söhne hatte ihn damals einmal gefragt: „Vater, was willst du in Deutschland? In Russland warst du ein anerkannter, geachteter Mann. Hier in Deutschland bist du bedeutungslos.“

Jeder kann sich vorstellen, was eine solche Einschätzung mit einem Vater macht.

So entschloss sich Alexander Bill in seine frühere Wirkungsstätte nach Sibirien zurückzukehren.

Dort hatte er mehrere Jahre in der Stadt Leninsk-Kusnezkij, einer Stadt mit über 100.000 Einwohnern das Kulturamt geleitet.

Sein neuer Wohnort sollte nun die Gebietshauptstadt Kemerovo werden.

Auch dort hat „der ideenreiche Macher“ als Direktor innerhalb kurzer Zeit einem College für Kultur und Kunst zu einem Ruf verholfen, der wegen seiner herausragenden Ergebnisse weit über die Grenzen des Gebiets in ganz Russland Bedeutung fand.

Diese wertvolle Arbeit wurde von staatlicher und kommunaler Seite, wie auch von Berufsverbänden mit Ehrungen und Medaillen anerkannt.

Nur einige Jahre nach Beginn seiner Arbeit in diesem College kam Alexander Bill mit dem zum College gehörenden Kuzbass-Ensemble, einem Chor mit Orchester auf Folklore-Instrumenten und Tanzgruppe, sowie einigen offiziellen Begleitern nach Deutschland.

Der Verfasser erinnert sich noch sehr genau.

Es war 2003, in diesem wunderschönen, heißen Sommer, als die Musiker und Tänzerinnen in Mönchengladbach in einer Herberge der Diakonie im Hardter Wald Quartier bezogen.

Ausgerechnet zu dieser Zeit befand er sich zur Rehabilitation in einer Bad Oeynhausener Spezialklinik.

Um die Konzertdarbietungen des Kuzbass-Ensembles erleben zu können, hatte er den Klinikchef persönlich um eine Kurzunterbrechung seines Aufenthalts in der Klinik gebeten. Die Ablehnung hat ihn damals sehr getroffen.

An dem Wochenende setzte er sich, nachdem er sich bei der Essen-Ausgabe für die beiden Tage abgemeldet hatte, in den Intercity nach Düsseldorf, um dann nach Mönchengladbach-Hardt zum Chor zu fahren.

Die Begrüßung war herzlich und innig.

Nachdem er erzählt hatte, dass er leider zu den Auftritten nicht kommen könne, durfte er eine Privatvorstellung des Ensembles genießen.

Nicht mehr so ganz unglücklich fuhr er dann mit dem letzten Zug zurück nach Bad Oeynhausen.

Um die anstehende Konzert-Veranstaltung in der Aula des Korschenbroicher Gymnasiums trotz seiner Abwesenheit betreuen zu können, hatte der Verfasser einige seiner Freunde, darunter einige Ornithologen, mit denen er viele Jahre seine Freizeit verbracht hatte, gebeten, die Ensemble-Mitglieder zu versorgen.

Ihnen hatte er wegen der Sprachbarriere geraten, sich an Alexanders Tochter Elvira zu wenden, die inzwischen absolut akzentfreies Deutsch sprach.

„Woran erkennen wir denn die Tochter des Freundes,“ wollten die Helfer wissen. „Sucht euch die hübscheste aus,“ riet er ihnen damals.

Natürlich haben sie Elvira auf Anhieb gefunden.

Die sibirischen Künstler traten noch in Aachen und in mehreren anderen Städten mit großem Erfolg auf, bevor sie in ihre Heimat zurück reisten.

Über die Web-Seite der Stadt Kemerovo und den Internet-Aktivitäten des  Colleges hielt der Verfasser sich auf dem Laufenden.

Ihn hatte es nachhaltig sehr geärgert, dass es nicht gelungen war, eine künstlerische Kapazität wie Alexander Bill hier in Mönchengladbach zu halten.

Alexander Bill wäre nicht Alexander Bill, würde er den Begriff „Ruhestand“ wörtlich nehmen.

Er denkt schon daran, wie er den Kulturaustausch zwischen Russland und Deutschland fördern kann.

Ja, …… so kennen wir ihn.

Foto: … nach der Verleihung der Urkunde des Ministeriums der Kultur der Russischen Föderation, der Russischen Gewerkschaft für Kulturarbeiter, der Verwaltungen der Stadt Kemerowo und des Gebietes Kemerowo für den besonderen Beitrag an der kuturellen Entwicklung im Kusbass im Jahr 2012.

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