Ein Streifzug durch Odenkirchen – Teil 15: Das vergessene Amtsgericht von Odenkirchen

Red. Odenkirchen [ - Uhr]

Amtsgericht1Als zu Beginn des vorigen Jahrhunderts das ursprüngliche Amtsgerichtsgebäude auf der Burgfreiheit den wachsenden Anforderungen nicht mehr gewachsen war, entschloß man sich zu einem Neubau auf der Straßburger Allee.

Dieser konnte trotz des Ersten Weltkrieges 1916 beendet werden. Auch nach der Eingemeindung Odenkirchens nach Rheydt 1933 blieb das Amtsgericht selbstständig.

Der Fliegerangriff vom 31. August 1943 beschädigte das Gebäude so schwer, daß das Odenkirchener Gericht nach Rheydt zum dortigen Amtsgericht verlegt werden mußte. Ende der Vierziger Jahre begann man aber mit einer Renovierung, so daß 1950 alle Abteilungen wieder in Odenkirchen eingerichtet werden konnten.

WohnanlageErst 1961 verlegte man den Odenkirchener Gerichtsbetrieb entgültig nach Rheydt, so daß das nun funktionslose Gebäude leer stand und schließlich im November 1972 abgerissen wurde.

An seiner Stelle steht heute eine Wohnanlage.

Amtsgericht2Das Gebäude wurde vor 40 Jahren abgerissen und scheint auch aus dem Gedächtnis der Odenkirchener verschwunden zu sein.

Dabei hat die Justiz im Stadtteil Tradition: Bereits um 1800 tagte das Odenkirchener Gericht in einer Kneipe, ab 1916 auf dem Gelände des heutigen Schwanenweiher-Hauses.

Die Odenkirchener Rechtsprechung startet 1798 an einem unkonventionellen Verhandlungsort: Während ihrer Rheinland-Besetzung richten die Franzosen ein Friedensgericht in Odenkirchen ein, das auch für Wickrath, Rheindahlen, Giesenkirchen, Schelsen, Liedberg, Kleinenbroich, Rheindahlen und sogar für Rheydt zuständig ist. Verhandelt werden die Zivil- und Strafsachen bis 1824 in einem Gasthaus.

Erst eine Verordnung des königlichen Landgerichts in Düsseldorf untersagt Gerichtssitzungen in Gastwirtschaften. Begründung: Angetrunkene Zeugen, Kläger und Beklagte sorgen für Unruhe und verzögern die Verhandlungen.

Doch auch der nächste Verhandlungsort bleibt unkonventionell: Von 1824 bis um 1840 tagt das Gericht in einem Zigarrenfachgeschäft im Haus Laurentiusplatz Nummer 5.

Nach dem Übergang der linksrheinischen Gebiete an Preußen bleiben die französischen Friedensgerichte bestehen und werden erst 1879 mit der neuen preußischen Gerichtsverfassung durch Amtsgerichte abgeschafft.

Die Geburtsstunde des Amtsgerichts Odenkirchen. Dieses tagte erst in dem Doppelhaus Burgfreiheit Nummer 96/98, das zum einen als Rathaus und zum anderen als Gerichtsgebäude und Wohnung des Friedensrichters benutzt wurde.

Auf dem Gelände des heutigen Schwanenweiher-Hauses an der Kreuzung Hoemenstraße/Straßburger Allee wurde zwischen 1914 und 1916 das Amtsgericht Odenkirchen erbaut.

Amtsgericht-RWährend der Fliegerangriffe im August 1943 wurde der nördliche Flügel so schwer beschädigt, dass das Gericht nach Rheydt zum dortigen Amtsgericht (seit 1879) verlegt werden musste.

„In dieser Zeit wurden die Räume des Odenkirchener Gerichts dafür genutzt, um Vertriebene und Obdachlose unterzubringen,“ sagt der Archivar des Heimatvereins Odenkirchen, Werner Scholz.

Nach dem Krieg wird das Gebäude erneuert und ab 1950 sind alle Abteilungen eines vollständigen Amtsgerichts wieder eingerichtet. Zu dieser Zeit haben die Gerichte in Rheydt und Odenkirchen eine gemeinsame Verwaltung und unterstehen einem gemeinsamen Aufsichtsdirektor.

Henny Scholz, Geschäftsführerin des Odenkirchener Heimatvereins, erinnert sich noch an die Zeit: „Zwischen 1950 und 1953 arbeitete ich als Rechtsanwaltshilfe und ging mehrmals die Woche ins Gericht, um Post wegzubringen und auch mitzunehmen.

Es war so hell und freundlich.“ Damals war die gebürtige Odenkirchenerin gerade mal 17 Jahre alt. „Das Gladbacher Gericht fand ich immer sehr düster und unheimlich. Das Odenkirchener war mir viel lieber.“

Bis in die 1960er Jahre fanden in Odenkirchen Sitzungen in Straf- und Zivilsachen statt, teilweise auch Sitzungen des Rheydter Amtsgerichts. Ende der 60er Jahre wurde das Gebäude dann abgerissen. „Heute würde so etwas aus Denkmalschutzgründen natürlich nicht mehr passieren“, sagt Scholz.

Und sie bedauert noch etwas: „Obwohl es gerade 40 Jahre her ist, scheinen viele Odenkirchener sich nicht mehr an das Gericht zu erinnern oder vielleicht auch nicht erinnern zu wollen.“

Dabei sei das Gericht ein wichtiger Teil der Stadtteil-Vergangenheit, der aufgearbeitet werden sollte. Ihr Ehemann und der Archivar des Heimatvereins, Werner Scholz, will sich darum kümmern.

Amtsgericht3Eine alte Postkarte zeigt das alte Amtsgericht zu Odenkirchen

(mit freundlicher Untersstützung des Heimatvereins Odenkirchen)

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