Stadt- und Schützengeschichte im Museum Schloß Rheydt – Schützen und ihr Wirken für Fortschritt und Demokratie

Red. Brauchtum [ - Uhr]

001-AusstellungAm Anfang war selbst der Museumsdirektor skeptisch: Bieten zwei überschaubare Gladbacher Schützenfeste der Jahre 1836 und 1837 genug Stoff für eine kulturhistorische Betrachtung mit stadtgeschichtlicher Bedeutung? 

Die Frage konnten Dr. Karlheinz Wiegmann und Eva Uebe vom Museum Schloß Rheydt bei der wissenschaftlichen Vorarbeit zur jetzt eröffneten Ausstellung „Der Stadt ein Rathaus, den Bürgern ein Fest“ schnell und positiv beantworten.

Die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Ereignisse der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts stehen für eine „Stadt im Aufbruch“ und markieren den Wandel zur bürgerlichen Gesellschaft. Und was hat das mit den Schützen und ihren Festen der Jahre 1836 / 1837 zu tun?

Mit dem Wachstum der beginnenden Industrialisierung entwickelte sich in Gladbach ein eigenes, bürgerliches Selbstverständnis und Selbstbewußtsein. Dazu gehörte auch der Wunsch, ein großes, gesamtstädtisches und überkonfessionelles Schützenfest zu feiern.

Voll Stolz stellt denn auch Gladbachs heutiger Schützenchef Horst Thoren im historischen Rückblick fest: „Erstmals waren Katholiken und Protestanten, Rheinländer und Preußen, Untertanen und Obrigkeit im fröhlichen Kirmestreiben vereint.

So brachte der Spaßfaktor vor 175 Jahren zusammen, was im Selbstverständnis der Bürgerschaft noch bis ins 20. Jahrhundert getrennt war. Die Ausstellung bietet einen Einblick in das spannungsgeladene Leben einer Stadt im Umbruch, in der die Schützen für Fortschritt und Demokratie standen, aber auch von politischer und kirchlicher Seite instrumentalisiert wurden.“

Oberbürgermeister Norbert Bude und Museumsdirektor Dr. Karlheinz Wiegmann sprachen bei der Ausstellungseröffnung von einer „Zeit, die bis heute Spuren in der Stadt“ hinterlassen habe.

Kustodin Eva Uebe berichtete vom Kauf der Abtei, in die 1835 das Rathaus einzog, von Fabrikbauten und Dampfmaschinen, von der ersten Mädchenschule und der Not der Hausweber. Die Ausstellung gibt mit Zeitdokumenten, Bildern und Tagebüchern, einen Einblick ins Leben der Menschen und der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Sie nutzt einen eigens konzipierten Videofilm als visuelle Erklärhilfe, um mit Bilddokumenten und Zitaten in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zu entführen und Zeitzeugen „zu Wort“ kommen zu lassen.

Dem ersten Gladbacher Schützenfest vor 175 Jahren, dessen Jubiläum Anlaß für die Ausstellung ist, widmet das Museum einen eigenen Raum: Hier beeindrucken die Festplakate mit ihrer blumigen Sprache („Die Tage der Freude sind gekommen“) und der wunderbaren Stadt- und Festansicht (mit Abteiberg und Schützenparade) ebenso wie der detailgenaue Zeltplan, der über die Größe der Festgesellschaft Auskunft gibt und sogar einen Thron ausweist.

Von den Gladbacher Schützenfesten der Jahre 1836/1837 ist nicht allzu viel überliefert. Was es an Quellen gab, haben Eva Uebe und Karlheinz Wiegmann vom Museum Schloß Rheydt gesichtet, ausgewertet und in den Kontext zeitgeschichtlicher Ereignisse der Region gestellt.

Die Schützenfeste werden – trotz oder gerade wegen ihrer überschaubaren Größe – zum Abbild ihrer Zeit. Denn sie sind Ausdruck dessen, was die Menschen bewegte und sie zum Handeln trieb: die Versöhnung (zumindest der Dialog) der beiden Kirche miteinander, das Recht auf ein wenig mehr Selbstbestimmung, die Suche nach einer sicheren Größe in unsicherer Zeit.

„Die Tage der Freude“ – so vom festordnenden Komitee in der Ankündigung zum Gladbacher Schützenfest ausgerufen – finden sich heute Jahr für Jahr wieder im Stadtschützenfest, das damit Schützengeschichte lebendig erhält und folgerichtig fortsetzt.

Darum feiern die Bruderschaften aus Stadt und Land ihr Stadtschützenfest in diesem Jahr am 3. und 4. September als großes Jubiläumsfest „175 Jahre Gladbacher Schützenfest“.

Die Ausstellung in Schloß Rheydt endet am 14. Mai mit einem Jubiläumsempfang der Schützen auf der Turnierwiese. Für beide Schützentreffen soll, so Horst Thoren, gelten, was das festordnende Komitee vor 175 Jahren verkündete: „Die Tage der Freude sind gekommen.“

1-Buch-Die-Tage-der-FreudeZur Ausstellung sind im Museumsshop erhältlich der Nachdruck des historischen Festplakats von 1836 (7,50 Euro) und die wissenschaftliche Aufarbeitung zum Gladbacher Schützenfest von Christoph Nohn „Die Tage der Freude“ (15,95 Euro).

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