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21. Dezember 1917, Köln

Hauptredaktion [ - Uhr]

21Sie haben richtig gelesen. Das ist kein Irrtum. Was das mit Mönchengladbach zu tun hat? Warten Sie es ab.

boellAm 21. Dezember 1917 wurde Heinrich Theodor Böll geboren. 1972 erhielt er den Literatur-Nobelpreis und war Träger vieler weiterer Auszeichnungen, wie z.B. der Carl-von-Ossietzky-Medaille.

Wer mehr über ihn und sein Werk lesen möchte, kann sich hier einen ersten Überblick verschaffen: http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_B%C3%B6ll

Wie oft bei Persönlichkeiten seines Formates weichen einige Aussagen voneinander ab. So heißt es hier (Wiki), er sei Sohn eines Tischlers, andere Quellen sagen, sein Vater sei Bildhauer gewesen.

Von einer Ausbildung als Buchhändler sprechen die einen, andere Quellen berichten, dass er die Ausbildung abbrach, um zu studieren. So ziehen sich kleinere, letztendlich unwichtige Widersprüche, durch seine gesamte Biografie.

Letztendlich nicht wirklich von Bedeutung ist, wie manche Dinge in seinem Leben waren oder verliefen. Wichtig ist sein Werk, sein Schaffen, das er der Nachwelt hinterlassen hat.

Böll war ein äußerst vielseitiger Autor. Essayist, Erzähler, Hörspieldichter, Dramatiker („Ein Schluck Erde“). Man zählte ihn zu einem der literarischen Führer seiner Generation. Er skizzierte seine Zeitgenossen in menschlich-allzumenschlichen Situationen.

Ob machtlose Opfer der Kriegsmaschinerie oder Lebenskrisen von Kindern und Erwachsenen.

Selbst Infanterist im 2. Weltkrieg, setzt er sich in seinem Werk mit der unheilvollen Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus und der Zersetzung humaner Werte und Ordnung auseinander. Er war katholisch aber nicht frömmelnd.

Kritisch auch seine Auseinandersetzung mit der Katholischen Kirche, aus der er 1976 austrat. Ohne jedoch „vom Glauben abzufallen“, wie er es ausdrückte.

Er setzte sich für die Friedensbewegung ein, die er auch aktiv bei Demonstrationen unterstützte.

In den 1970ern zog Böll die Kritik aus konservativen Kreisen auf sich. Er hatte sich mit der RAF-Terroristin Ulrike Meinhoff beschäftigt, darüber ein Essay im Spiegel veröffentlicht und die Springer-Presse wegen ihrer Berichterstattung angegriffen.

Dass man ihn daraufhin als „geistigen Sympathisanten“ des Terrorismus ansah, konnte er nur schwer verkraften.

Vielleicht nur logisch und Folge dieser Erfahrungen erschien 1974 „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. Eine provozierende, systemkritische Karikatur über Zeitungshetze und journalistische Brunnenvergiftung mit krimineller Motivation.

Auch diese Erzählung letztendlich eine sehr kritische Auseinandersetzung mit der Springer-Presse. Sie wurde in 30 Sprachen übersetzt und von Volker Schlöndorff verfilmt. Allein in Deutschland wurde das Buch fast 6 Millionen Mal verkauft.

Böll gab viele gesellschaftliche und gesellschaftskritische Impulse.

Als Heinrich Böll 1984 in Dänemark einen Preis erhielt, war ihm sofort klar, wem er diesen Preis zuspricht:, Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur. Denn Rupert Neudeck sei, so Böll, ein Poet des Tuns. 1979 gründete Neudeck die Cap Anamur, Heinrich Böll wurde zum Mentor, ohne ihn wäre Cap Anamur nicht zustande gekommen.

neudeckAus Anlass von Bölls 25. Todestag sprach am 14.07.2010 das Kölner Domradio mit Rupert Neudeck über Heinrich Böll. Hier ein  Ausschnitt:  [audio:10-07-14-domradio-neudeck-boell-01.mp3]

Die gesamte interessante Sendung [ca. 50 Min] ist hier zu hören: http://www.domradio.de/thema/65149/poeten-des-tuns.html

Verfilmt wurde auch Bölls satirischer Roman „Ansichten eines Clowns“. Auch in diesem Gesellschaftskritik. Und vor allem die Auseinandersetzung mit dem Mief und Muff des rheinischen Katholizismus, an dem der Protagonist, der Unternehmersohn und Clown Hans Schnier scheitert. Wie schon in anderen seiner Werke beschreibt er die Engstirnigkeit und Doppelmoral der katholischen Kirche der fünfziger Jahre.

Das Erscheinen dieses Romans am 10. Mai 1963 erzeugt ein mächtiges Rauschen im deutschen Blätterwald. Wochenlang liefert er Stoff für nicht enden wollende Debatten. Böll selbst ist regelrecht perplex. Seiner Ansicht nach hatte er lediglich eine „ganz harmlose Liebesgeschichte“ erzählt. Er verstand die Aufregung darüber nie.

Das mag so sein. Nur der Zeitpunkt des Erscheinens dieser „harmlosen Liebesgeschichte“ kam genau richtig in eine Zeit, als Deutschland sich in einer breit angelegten Diskussion befand und „Unbehagen am Klerikalismus“ zutage trat, das viele verunsicherte oder verärgerte.

Die Emotionen schlugen hohe Wellen. Dazu die Veröffentlichung von Rolf Hochhuths Papst-Abrechnung „Der Stellvertreter“ und Karlheinz Deschners „Abermals krähte der Hahn“. Das alles war damals starker Tobak.

In dieser aufgeheizten Stimmungslage veröffentlichte die „Süddeutsche Zeitung“ sechs Wochen lang als Vorabdruck „Ansichten eines Clowns. Dies wiederum veranlasste die „Katholische Aktion“ zu einem Protestbrief.

Sein Verleger Witsch hatte die Veröffentlichung zeitlich klug platziert und rd. 50 Rezensenten Leseexemplare des Werkes gesandt. Das befeuerte die Diskussionen. Die „Zeit“ hatte die Nase vorn und konnte prominente Journalisten gewinnen, die ihr Urteil abgaben.

Um nur einige zu nennen: Rudolf Augstein, Marcel Reich-Ranicki, Joachim Kaiser. Lange Kritiken in der „Zeit“ und keine Einigung, was der Roman nun letztendlich beschrieb.

Sehr vereinfacht dargestellt geht es um folgendes: Der 27-jährige Clown Hans Schnier, Atheist und aus der evangelischen Oberschicht stammend, verliebt sich in die katholische Marie aus einfachen Verhältnissen.

Sie sind einige Jahre glücklich, wünschen sich gemeinsame Kinder. Dieser Traum schwindet mit jeder Fehlgeburt. Marie wird mit der wiederholten Enttäuschung nicht fertig, und leitet ihre Wut darüber in die absurde Forderung, dass Schnier schriftlich erklären müsse, die gemeinsamen Kinder katholisch zu erziehen.

Er weigert sich, sich einer Institution zu unterwerfen und verlässt sie. Sie heiratet einen Funktionär einer katholischen Laienorganisation. Schniers Abstieg beginnt. Psychisch und beruflich.

Einige Rückblicke auf die Zeit des Nationalsozialismus und die Verlogenheit der Anhänger desselben in der jungen Bundesrepublik, werfen unweigerlich zusätzlich kritische Fragen auf.

Der Grundkonflikt des Romans ist zeitlos. Wie so viele Paare scheitern Hans Schnier und Marie am Alltag.

Böll hält den Menschen der Bundesrepublik Deutschland des Jahres 1962 mitten im Wirtschaftswunder einen Spiegel vor. Kritisiert Egoismus, Oberflächlichkeit, Unaufrichtigkeit. Mangelnde Vergangenheitsbewältigung.

Klingt gar nicht fremd, so viel scheint sich seit dem Erscheinen von Bölls Roman nicht verändert zu haben.

Und der Bezug zu Mönchengladbach?

Der Roman wurde 1975 von Vojtech Jasny in der Produktion von Heinz Angermeyer und Maximilian Schell verfilmt. Uraufführung: Januar 1976. Darsteller sind Helmut Griem, Hanna Schygulla, Helga Anders u.a.

Am Ende des Romanes sitzt Hans Schnier auf den Treppen des Bahnhofs in Bonn und spielt Gitarre. Neben sich sein Hut, den er zu Chaplinparodien trug. Leute halten ihn für einen Bettler und werfen ihm Geld in den Hut.

Hauptbahnhof-MG-um-1975Diese Szene des Filmes wurde am Hauptbahnhof Mönchengladbach gedreht. Dem „alten“ Bahnhofsvorplatz, als er noch nicht „Europaplatz“ hieß, samt überdimensionierter und hässlicher Stahlkonstruktion.

Es gab damals noch die Untertunnelung, um zu den Bussteigen zu gelangen. Der Abgang war mit Treppen und Rolltreppen versehen, die mal funktionierten, mal nicht.

Dort saß damals Clown Hans Schnier mit der Gitarre und sang: „ Der arme Papst Johannes, hört nicht die CDU, er ist nicht Müllers Esel, er will nicht Müllers Kuh.“

Ursprünglich war die „Lauretanische Litanei“ (in der katholischen Kirche verwendete Litanei zur Anrufung der Gottesmutter, im wesentlichen zurückgehend auf eine Version aus Loreto/Italien -1531-, was zu der Bezeichnung Lauretanische Litanei führte) geplant, die durch das vorstehende, spontan getextete Lied ersetzt wurde.

Das Buch ist trotz der „Schwere“ seines Inhaltes sehr gut zu lesen. Buch und Film sind wirklich empfehlenswert.

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Ein Kommentar zu “21. Dezember 1917, Köln”
  1. NACHTRAG:

    Mit dankenwerter Unterstützung des Stadtarchivs haben wir das „21. Türchen“ um ein Foto des ehemaligen Bahnhofsvorplatzes (um 1975) ergänzt.

    Schauen Sie … und Sie werden sich erinnern!

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