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Erinnerung an NS-Euthanasie wach halten • Teil II: Eindrucksvolle Eröffnung der Gedenkveranstaltung am 9. Juni [mit Videos]

Bernhard Wilms [ - Uhr]

[16.07.2017] Zwei Jahre nach der ersten Gedenkfeier für die Opfer der Euthanasie, bei der dem am 17.05.1943 in Lemberg (Ukraine) ermordeten siebenjährigen Karl-Heinz Moerders gedacht wurde, veranstaltete ein Aktionsbündnis aus mehreren Mönchengladbacher Organisationen am 09.06.2017 eine weitere Gedenkfeier.

Auch diesmal stand die Veranstaltung unter dem Motto „Erinnerung wach halten – Zukunft bauen“.

Auch diesmal brachte sich die Sozialdezernentin Dörte Schall (SPD) über das Maß einer „Schirmherrin“ hinaus schon in die Vorbereitung der Gedenkfeier in der Mönchengladbacher Citykirche am Edmund-Erlemann-Platz ein.

In Ihrer Eröffnungsrede erinnerte Schall vor etwa 100 interessierten Teilnehmer an das unmenschliche NS-System, durch das damals hunderttausende Menschen mit Behinderungen als „unwert“ eingestuft und ermordet wurden.

Bedauerlicherweise konnten mit Ausnahme von Torben Schultz (DIE LINKE) und Ulrich Elsen (SPD) keine örtlichen Politiker gesichtet werden.

Schall erinnerte daran, dass jeder das Recht habe, eigenverantwortlich und selbstbestimmt sein Leben in die Hand zu nehmen, obwohl vielen Menschen mit schweren Erkrankungen, mit Behinderungen, aber auch Frauen, Alten und Kindern dies oft nicht zugetraut oder nicht zugestanden werde.

In diesem Kontext schlug sie einen Bogen zum Thema „Inklusion“. Diese sei gelebte Akzeptanz von Vielfalt im Sinne des selbstbewussten Slogans: „Es ist völlig normal verschieden zu sein“


 

Dörte Schall: Eröffnung des Tages des Gedenkens an die Opfer der Euthanasie [zum Lesen am Bildschirm]

Seinen Vortrag begann Dr. med. Ralf Seidel, ehemaliger Ärztlicher Direktor der LVR-Klinik in Rheydt, mit diesem Zitat eines Geheimerlasses von Adolf Hitler:

„Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“ (Zitat Ende)

Damit begann am Anfang des 2. Weltkrieges die systematische Ermordung von Menschen mit chronisch psychischen und geistigen Erkrankungen und körperlichen Behinderungen.

Genaugenommen habe diese Maschinerie des Verbrechens schon 1934, wenige Monate nach der Machtergreifung durch den Beschluss des „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ begonnen, erklärt Dr. Seidel.

Insgesamt seien davon etwa 650.000 Menschen betroffen gewesen.

Beeindruckt folgten die Zuhörer Seidels Schilderungen des „Räderwerks des Verbrechens“, das die Ermordung im Stile eines Industrieunternehmens organisiert und durchgeführt habe.

Die Antwort auf die Frage, wie es dazu kommen konnte, basierte darauf, dass die Opfer nicht als Personen, sondern als „Sachen“ eingestuft wurden. „Sachen“ denen man nicht in Gesicht schaute.

Nur wer ein guter Arbeiter war und materiellen Gewinn versprach durfte verschont werden; scheinbar Nutzlose wurden beseitigt.

Für „heute“ könne man lernen, achtsam zu sein, der Würde Raum lassen.

Und das bedeute, dass der Mensch, jeder Mensch – von Geburt an – stets Wert hat und, dass ihm ein selbstbestimmtes Leben zusteht.

„Dabei ist es unsere Aufgabe, die Aufgabe der Gesellschaft, ihm dieses Leben zu ermöglichen,“ mahnte Dr. Seidel.

Seidel resümiert und fordert zugleich: „Hüten wir uns vor allzu geschlossenen Menschenbildern.“

Sicherlich würden Menschen so etwas wie Zugehörigkeit, Orientierung, auch Identität benötigen.

Aber Identität reduziere sich nicht auf eine Dimension: aufs Deutsch-, Normal–, Christlich- oder Moslemsein.

Sich auf eine Eigenschaft zu beschränken hieße, anderes und damit Andere ausschließen.

Maßgeblich müsse das Recht einer Person bleiben – jeder einzelnen – als Gleicher, als Zugehöriger – behandelt und anerkannt zu werden.


 

Dr. med Ralf Seidel: Vortrag „Ohne Angst verschieden sein“ [zum Lesen am Bildschirm]

Die Ausführungen von Dörte Schall und Dr. Ralf Seidel bildeten eine inhaltliche Basis für die nachfolgende Theater-Collage „Lebensunwert“, über die in weiteren Teilen dieser Themenreihe berichtet wird.


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