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Hans Jonas • Teil II: Gesamtschule Neuwerk trägt seinen Namen • Schule in der Pflicht

Red. Neuwerk [ - Uhr]

„Ein Anlass für einen Festgottesdienst wie der heutige, das Fest eines kleinen Jubiläums -10 Jahre Gesamtschule Neuwerk -, das Fest einer Namensgebung am heutigen Tage – Hans-Jonas- Gesamtschule – ist immer auch ein Zäsur im Leben einer Schule, eines Ortsteils, einer Bürgerschaft.“

Treffsicher fand Pfarrer Till Hüttenberger in seiner Predigt diese Worte. Mit einem ökumenischen Gottesdienst begann am 18.07.2013 die Jubiläumsfeier der Gesamtschule Neuwerk zum 10-jährigen Bestehen.

Nach Jahren des Aufbaus, der im letzten Jahr mit der Entlassung des 1. Abiturjahrgangs endete, will die Gesamtschule Neuwerk ihre in dieser Zeit gefundene naturwissenschaftliche-technische Ausrichtung auch durch einen Namen dokumentieren.

Ernsthaft und demokratisch, unter Beteiligung von Lehrern, Eltern, Politik und Verwaltung, wählte die Schule den Namen, an den sie sich in ihrer weiteren Entwicklung orientieren und messen lassen will: Hans-Jonas-Gesamtschule Neuwerk.

„Aus der Festfreude eines solchen Tages geht der Blick in die Vergangenheit zurück, denn jedes Jubiläum sollte Anlass auch sein, sich des eigenen Wegs, den man gegangen ist, zu vergewissern und das Gelungene und das Noch-Nicht gelungene, zu würdigen. Der Blick zurück hilft dem Blick nach vorne in die Zukunft Richtung zu geben“, so Till Hüttenberger weiter.

Rückblicke, Bewertungen und auch Ausblicke gab es beim anschließenden Festakt in der Schule von Seiten der Schulleiterin Ina Klein und von Gesprächen mit geladenen Gästen. Darunter ragten einige Aussagen hervor, die es wert sind, fest gehalten zu werden.

Till Hüttenbergers Worte läuteten nicht nur nett und angemessen den Festtag ein, sie sind auch eine Basis, sie machen erst die Verpflichtung klar und sie können zur selbst auferlegten Bürde werden.

Sie sind es daher wert, aufbewahrt zu werden als ein Zeitdokument, denn sie bieten jedem, gleich ob Lehrer, Eltern, Schüler, Politiker oder Verwaltung, jetzt und zu jedem späteren Zeitpunkt immer wieder Gelegenheit zum Überdenken einer Position, eines Weges.

Hier Hüttenbergers Predikt im Wortlaut:

„Mit dem Namen Hans Jonas (1903-1992) soll der Weg vom heutigen Tag an weitergehen und es ist eine ehrende Aufgabe für die Schule, nicht nur seinen Namen zu tragen, sondern sein Name, der Name dieses großen Bürgers und Ehrenbürgers dieser Stadt und Philosophen der Verantwortung, ermahnt uns besonders auch zu unserer Verantwortung heute. Nicht einen Menschen der Vergangenheit gilt es zu ehren, sondern einen philosophischen und religiösen Denker mit auf unseren Weg als Schule zu nehmen, der uns heute und in Zukunft etwas zu sagen hat.

Ich möchte meiner Predigt einen Bibelvers aus der Schöpfungsgeschichte, aus dem 1. Buch Mose, dem hebräischen Buch Bereschit (Am Anfang), voranstellen, den ich im Blick auf den heutigen Anlass mit ihnen gemeinsam bedenken möchte.

Und Gott der Herr nahm den Menschen, den er erschaffen hatte, und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaute und bewahrte. (1. Mose 2, 15)

Ich möchte uns von diesem biblischen Vers ausgehend drei Wegmarken aus dem reichen Denken Hans Jonas´ in Erinnerung rufen, die für die Aufgabe einer Schule und Gesellschaft von heute unerledigt sind. Denn Schule ist der Ernstfall von Gesellschaft. Wie in einem Brennglas steht sie mitten in den Aufgaben unserer Zeit.

1. Der Mensch ist von Gott in die Welt gesetzt, dass er sie bebaue und bewahre

Der erste Gedanke: Der Mensch hat Verantwortung: für sein Handeln, für die Umwelt, für die Gesellschaft, in der er lebt.

Doch Verantwortung ergibt sich nicht von selbst, sie muss geübt und gelernt, erfahren und gelebt werden.

Meine kleine Tochter von zwei Jahren weiß noch nicht, was Verantwortung ist; weiß nicht, dass auch sie berufen sein wird, diese Erde zu bebauen und bewahren.

Es ist die Aufgabe der Älteren, sie dazu zu befähigen.

Wie kaum ein zweiter hat Hans Jonas in seiner Ethik uns gelehrt, in unserem Handeln nicht nur die Fragen von heute zu berücksichtigen, sondern in allem, was wir tun und lassen , auch die Zukunft in den Blick zu nehmen, ein Bündnis mit den nachkommenden Generationen zu schließen, selbst mit denen, die noch gar nicht geboren sind.

Denn unsere Möglichkeiten, die Erde zu ruinieren, sind leider oft stärker als unsere Fähigkeiten, sie zu bewahren. Dies ist ein Gedanke, der heute in einer Zeit, in der das Wort Nachhaltigkeit geläufig ist, naheliegend scheint.

Und doch war es Jonas, der 1979 in seinem großen Werk „Das Prinzip Verantwortung“ viele Menschen in der ganzen Welt erst auf die Spur dieses Gedankens gebracht hat.

Der Blick der Kinder auf die Älteren erinnert uns daran, dass Verantwortung eine wechselseitige Beziehung ist, die wir mit den nachfolgenden Generationen eingehen.

2. Der Mensch ist von Gott in die Welt gesetzt, um mit ihr im Einklang zu leben 

Ein zweiter Grundgedanke des Werkes Hans Jonas, der für die Aufgabe der Schule von heute wichtig erscheint, ist die Versöhnung von Natur und Geist, von Denken und Naturwissenschaften, von Mensch und Welt.

Ich habe in unserer Zeit ein wenig Angst, dass das Wissen des Menschen schneller Fortschritte macht als die Selbstverständigung über das Menschliche, die dieses Wissen begleiten sollte.

Unsere heutige Gesellschaft ist besonders interessiert an den sog. MINT -Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), die für die wirtschaftliche und technologische Entwicklung unendlich wichtig sind. Aber ich beobachte oft, dass die Kluft zwischen diesen Fächern und der Welt der Literatur, Kunst und Musik, Philosophie und Religion größer wird.

Ich habe Sorge, dass diese im meist am Nutzen orientierten Bildungsbegriff unserer eiligen Welt unter die Räder geraten.

In Hans Jonas waren beide Welten vereint, ein humanistisch Gebildeter alter Schule, der jüdische und philosophische Gelehrte, der zugleich wie kaum ein anderer Philosoph sich mit den naturwissenschaftlichen Fragen der Gegenwart und ihrer Bedeutung für das Selbstverständnis des Menschen auseinandergesetzt hat.

An der Versöhnung von Geist und Materie zu arbeiten und in den jungen Menschen Neugier und Freude an der Fülle des Lebens zu wecken, das wäre eine Bildungsaufgabe für unsere Gesellschaft heute.

3. Es ist der Mensch, den Gott geschaffen hat, der immer in Gefahr ist, seine Menschlichkeit zu verlieren

Ein dritter und letzter Gedanke. In einer Welt, in der Menschen aus vielen Kulturen zusammenleben und immer mehr aufeinander angewiesen sind, ist die Gefahr groß, dass man sich in sein Schneckenhaus zurückzieht und alte Mauern zwischen Menschen wieder hochzieht. 

Nicht nur der Prozess um rechtsradikale Mörder bewegt Deutschland heute, sondern vielen macht Sorge gerade auch die alltägliche Fremdenfeindlichkeit, oder ihre Vorstufen, die Vorurteile, die ich gerade auch bei jüngeren Menschen, beobachte. Wir haben den Garten Eden verloren und müssen uns um eine humane Welt bemühen.

Der Weg von Hans Jonas gibt uns auf, Position zu beziehen, mutig zu sein, politisch zu denken.

In seinen Erinnerungen, die nach seinem Tod 1993 erschienen sind, tritt uns das Angesicht eines aufmerksamen, kämpferischen und streitbaren Zeitgenossen entgegen.

Er hat früh den Antisemitismus vieler seiner Lehrer erkannt.

Er hat politisches Handeln gewagt und sich nicht in den Elfenbeinturm der Gelehrtenexistenz zurückgezogen.

Er hat mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus die Konsequenzen gezogen und er hat miterleben müssen, wie unfassbares Leid auch seine Familie ergriff.

Dies ist unsere Verantwortung für heute. An einer Gesellschaft mit zu bauen, die es verhindert, dass Menschen um ihrer Religion, ihrer Herkunft oder ihres Denken auswandern müssen, dass Menschen verfolgt oder umgebracht werden.

Einen Vers aus der biblischen Schöpfungsgeschichte habe ich vorangestellt und versucht im Blick auf das Erbe Hans Jonas auszulegen. Der Vers ist bewusst gewählt. In ihm geht es noch nicht um das Besondere, um das Volk Israel, Gottes erwählte Volk, das Mose in die Freiheit führte, auch nicht um das Christliche.

Hier geht es um den Menschen schlechthin, der in dieser Welt sich bewähren muss, egal, welcher Konfession, Religion, welchen Bekenntnissen er ist, ob er religiös oder unreligiös ist.

Es geht um den Menschen, für dessen Menschlichkeit wir Verantwortung haben.

Vor Gott, vor dem Gewissen, vor dem Anderen, vor der Zukunft.

Wir haben das Talent dazu.

Amen.“ (Ende der Predikt)

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