„Mazeppa“ Oper von Tschaikowsky im Stadttheater: „Staatsoper am Niederrhein“

Red. Theater [ - Uhr]

Dieser Überschrift ist nichts hinzuzufügen. Es war so! 

Eine Aufführung, die zu beurteilen sehr schwer ist. Was soll man schreiben, wenn es einen einfach umgehauen hat, man so gefangen war, dass man einfach nur gebannt zuhören und zuschauen konnte.

Zu herrlicher, wunderbar gebrachter Musik lief auf der Bühne ein toller Krimi ab, der die 3 Stunden Spieldauer kurz werden ließ.

Die Geschichte des ukrainischen Kosakenführers Ivan Mazeppa, der durch Protektion des Zaren Peter I. zum Hetman der Ukraine ernannt wurde, sich aber mit dem schwedischen König Karl XII. gegen den Zaren verbündete.

Diese Geschichte erzählt Alexander Puschkin in seinem Poem „Poltawa“

Natürlich darf eine Liebesgeschichte nicht fehlen.

Hier liebt Mazeppa sein Patenkind Maria,  die Tochter seines reichen Freundes Kotschubej, die seine Liebe erwidert. Aber durch den Altersunterschied der beiden Liebenden gestört, versucht Kotschubej sie zu trennen.

Als das nicht gelingt, denunziert er Mazeppa beim Zaren. Der weist ihn ab und liefert Kotschubej an Mazeppa aus.

Damit nimmt das Unheil seinen Lauf. Kotschubej wird gefoltert und ermordet, Maria verliert darüber den Verstand.

Mazeppa kämpft gegen den Zaren und unterliegt. Auf der Flucht trifft er auf den Jugendfreund  Marias, den er im Kampf tödlich verletzt.

Die hinzugekommene Maria erkennt Mazeppa nicht mehr, singt dem vage erkannten Jugendfreund Andrej ein Schlaflied. Mazeppa, durch seinen Gefährten Orlik im Handgemenge verletzt, entflieht.

Das Ende bleibt dadurch offen. 

Nach dem „Eugen Onegin“  und „Die Jungfrau von Orleans“ suchte Tschaikowsky nach einem Thema für  eine neue Oper, das er dann im Mazeppa fand.

Ihm fiel hier eine wunderbare, lyrische, dennoch absolut dramatische Musik, allen Rollen gerecht werdend, hierzu ein. Ich finde sie wesentlich stärker als die „Gesellschaftsmusik“ zum Eugen Onegin. 

Die Regisseurin Helen Malkowsky erreichte in Zusammenarbeit mit der Bühnenbildnerin Kathrin-Susann Brose und der Kostümbildnerin Alexandra Tivig beklemmende Momente.

Durch das Versetzen in eine neuere Zeit, stets aber im russischen Ductus verbleibend, hervorragende Personenregie, tolle Chorführung, kam es zu einer Aufführung, die einfach mitriss.

Spannung über den ganzen Abend, atemloses, gebanntes Miterleben durch das Publikum! 

Zur musikalischen Seite der Aufführung 

Hier kann ich nun erneute Lobeshymnen anstimmen. Es war einfach umwerfend gut. Leistungen, wie sie selbst an größten Häusern nur in Glücksmomenten zu erleben sind.

Es stimmte ohne jede Einschränkung Alles. 

Izabella Matula verkörperte die Maria mit ungeheurem stimmlichen und darstellerischen Einsatz.

Eine Stimme, die zwar im Ursprung slawisch klingt, das heißt, metallisch klingt, aber auch in die Hülle der weicheren Töne schlüpfen kann, zu wunderbaren Piano- und Pianissimotönen selbst in höchsten Lagen fähig ist. 

Satik Tumyan hat eine typisch russische Altstimme, die in tiefen Lagen wie ein Bariton orgelt, aber auch wunderbar gefasste Höhen hat. Ihre Darstellung entsprach genau dem Bild einer russischen Mutter. 

Johannes Schwärsky, der Darsteller des Mazeppa, verfügt über eine wunderbar weiche, in der Farbe eines großen Rotweins klingende Stimme, die von Basses-Tiefen bis in die Höhen eines dramatischen Baritons, ohne Naht, ohne Registerwechsel geführt wird.

Genaues Nachvollziehen der Musik, präzise Artikulation, Phrasierung, zeichnen sein Singen aus.

Dem entspricht auch die schauspielerische Leistung.

Er ist der Machtbesessene, Mammonbesessene, kein Verbrechen scheuende, aber auch der Liebende. Da wird er weich. Eine ganz tolle Leistung. 

Ihm gleichberechtigt Hayk Dèinyan als Wassilij Kotschubej.

Mit seiner sammetweichen, trotzdem, wie er hier wieder bewies, zu großen Aufschwüngen fähigen Bassstimme, war er für die Partie wie geschaffen. Sein Singen ging zu Herzen durch Farben und Emotion, die er auf das Publikum ausstrahlte.

Schauspielerisch war er, nicht spielte er, der Russe, der seine Tochter abgöttisch liebt, dann aber an seiner Enttäuschung letztendlich zugrunde geht.

Wie spielte er den Eingekerkerten, den Gefolterten, den Gifttrank schlürfenden. Es ging unter die Haut. 

Auch Andrej, der Jugendfreund Marias, hier der Tenor Carsten Süss, legte alles in seine Rolle, spielte bewegend (Sterbeszene) und sang mit schöner Stimme sehr gut.

Eben in der Sterbeszene prunkte er nicht mit Stentortönen, die er doch durchaus hat, sondern gestaltete nicht nur das Spiel, sondern auch den Gesang sehr zurückgenommen. Nicht alle Tenöre sind dumm! Das hat mir sehr gefallen. 

In den kleineren Rollen  1. Sänger. Der Tenor Kairschan Scholdybajew war nicht wiederzuerkennen, stimmlich und darstellend perfekt,

der junge Andrey Nevantsev, der mit seiner schönen Stimme, in seiner Heimatsprache singend, der kleinen Rolle des betrunkenen Kosak ungewohnt starkes Profil verlieh,

Matthias Wippich als Orlik, der in dunkler Bösartigkeit selbst seinen Freund Mazeppa angreift. 

Der relativ große Chor (Maria Benyumova) sang fast immer sehr laut, aber nicht immer schön. Kleine Wackler bei den Herren im 2. Akt dürften zu beheben sein.

Aber bei der Sache war man, es wurde gespielt, als ob es um das Leben ginge. 

Zum musikalischen Träger des Ganzen, Dirigent und Orchester 

Mikhel Kütson, der scheinbar eine enge Verbindung zu Tschaikowsky hat, war den Darstellern auf der Bühne ein feinfühliger, umsichtiger Begleiter. Er deckte nie die Sänger zu, ließ sie atmen, auch mal einen hohen Ton aushalten. Es blühte nur so aus dem Orchestergraben. Ergreifend das Zusammenklingen mit den Singstimmen.

Eine begeisternde Leistung. 

Das Publikum hielt nach dem letzten Ton einen Moment die Luft an, um dann in einen echten, nicht inszenierten Beifallssturm auszubrechen. Nach langem Klatschen dann erst die Bravi, Standing Ovations, da hatte die Claque mit ihrem Jaulen keine Chance! 

Beim Schlussbeifall vermisste man das Regieteam. Warum stellte man sich dem hier wohlverdienten Beifall  nicht? Ist das Mönchengladbacher Haus „Diaspora“?

Fazit:

Ein grandioser Abend, den man sich unbedingt anhören und anschauen sollte. Es hat einfach in jeder Hinsicht gepackt und gefesselt! Toll! 

Ich glaube nicht, dass die Aufführungen in Aachen, Berlin, Bremen, Heidelberg, Karlsruhe, etc., Gleichwertiges bieten können. 

Herbert Rommerskirchen

Bisher keine Kommentare

Ihr Kommentar