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SPECIAL: Neues Entgeltsystem PEPP – Anmerkungen zu Bahrs PEPP-Verordnung

Hannelore Huber [ - Uhr]

[11.04.2013] Ich bin entsetzt über dieses Vorpreschen von Gesundheitsminister Bahr (FDP) und frage mich, wie er dazu kommt, ein solches Vorgehen zu wählen.

Hat er sich schon einmal in einer Psychiatrie informiert? Hat er sich schon einmal eine geschlossene Abteilung von innen angesehen und einen Eindruck von dort untergebrachten Patienten verschafft? Ich meine damit nicht, nur „mal eben“ durchgeführt zu werden.

Es sei ihm dringendst empfohlen, sich in einer solchen Abteilung einmal nur einige Stunden aufzuhalten.

Nur so könnte er ahnen, sich zumindest ansatzweise ein Bild von den dort zu behandelnden Patienten und der Leistung des Personals, ob Mediziner oder Pfleger machen.

Diese Menschen verdienen absolute Hochachtung und Respekt, denn sie leisten sehr viel unter schwierigsten und enorm (sowohl psychisch als auch physisch) belastenden Umständen.

Sogenannte „blutige Entlassungen“ in somatischen Kliniken mögen noch so gerade akzeptiert werden können. Wegen einer normal verlaufenen Blinddarm-OP muss man nicht mehr als einige Tage (i.d.R. 4 Tage) im Krankenhaus verbringen, denn am besten erholt man sich davon anschließend zu Hause. Das ist in Ordnung.

Für Patienten in Psychiatrien ist vergleichbares absolut unmöglich, ja sträflich.

Wie Herr Neiken, Personalratsvorsitzender der LVR-Klinik Rheydt, sehr gut erklärt hat, sind gerade Depressionen nicht in Fallpauschalen zu pressen.

Wer einmal erlebt hat, wie ein Depressiver abmagert, sichtbar auch körperlich leidet, Schmerzen unklarer Ursache wirklich empfindet und nur mit viel Mühe und ärztlichem Können wieder in eine wenigstens stabile, lebenswerte Situation gebracht wird, kann nicht nachvollziehen, was sich Herr Bahr bei seiner Verordnung auch nur ansatzweise denken mag.

Solche Fälle sind übrigens in Kliniken an der Tagesordnung und leider kein seltener Einzelfall.

Bei psychischen Erkrankungen die richtigen Medikamente zu finden ist bereits ein Thema für sich. Denn es funktioniert bei weitem nicht so einfach, wie sich das so mancher vorstellen mag.

Mit ein paar bunten Pillen und Spritzen ist es leider nicht binnen kurzem möglich, psychisch schwer erkrankten Menschen zunächst in der akuten Situation und dann nachhaltig zu helfen.

Neben den „nur“ Depressionen oder schwereren Formen davon, werden in Psychiatrischen Kliniken auch Erkrankungen wie Manie, bipolare (=manisch-depressive) affektive Störungen, Schizophrenie (Wahn, Halluzinationen), schizoaffektive Störungen (der Patient leidet sowohl unter Schizophrenie als auch bipolarer Störung) bis hin zu psychischen Erkrankungen auf Grund von Suchterkrankungen behandelt.

Diese Erkrankungen im Akutfall innerhalb von 21 Tagen zu therapieren ist unmöglich. Sollte in dieser Zeit wenigstens eine Besserung erreicht worden sein, wäre das bereits ein Erfolg, doch der Patient ist dann leider immer noch dringend behandlungsbedürftig und muss z.B. medikamentös eingestellt und weiterhin therapiert werden.

Wie Herr Bahr so etwas in 21 Tagen schaffen will, sollte er unbedingt erklären. Wenn er dafür wirklich umzusetzende, nachhaltig wirksame Therapievorschläge hat, würde er mit Sicherheit Furore machen.

Mit einem derartigen, effektiven Behandlungsvorschlag oder –ansatz wäre mit Sicherheit Geld zu sparen und Patienten, Angehörige, Mediziner und Pfleger wären ihm sogar noch zutiefst dankbar, denn es würde allen viel Leid, Arbeit und ein hohes Maß an Stress ersparen.

Leider ist das bisher noch keinem gelungen, da gerade die psychischen Erkrankungen (wie im Übrigen auch viele somatische) schwer zu behandeln sind.

Krankheiten, ob psychischer oder somatischer Art sind nicht einfach in eine betriebswirtschaftliche Norm einzuordnen.

Was Herr Bahr hier „verordnet“ ist purer Aktionismus.

Die Regelung mit dem komplizierten Namen „Verordnung pauschalierender Entgelte Psychiatrie und Psychosomatik“ = PEPP hat „eigentlich“ ein sinnvolles Ziel: Krankenhäuser nach Leistung zu bezahlen.

Aber die Umsetzung mit einem Vergütungssystem, das Fallpauschalen enthält, führt nun einmal bekanntermaßen dazu, dass Krankenhäuser belohnt werden, die Patienten schnellstmöglich wieder entlassen.

Das bedeutet leider im Umkehrschluss, dass diejenigen Krankenhäuser, die die Patienten erst wirklich stabil entlassen wollen und das aus medizinisch-ethischer Sicht auch als selbstverständliches Ziel ansehen, sich schwerkranke Patienten, die sich „nicht an die vorgesehene Zeit von 21 Tagen bei ihrer Genesung halten“, nicht mehr leisten können.

Gerade bei psychischen Erkrankungen eine unmögliche Situation, um den Drehtüreffekt und Schlimmeres bis hin zu z.B. Selbsttötung und/oder Gefährdung Dritter zu vermeiden.

Krankenhäuser kommen unweigerlich in finanzielle Probleme, weil nach 21 Tagen die Pauschalen gravierend geringer ausfallen.

Da hilft es auch nicht, dass das BMG (Bundesministerium für Gesundheit) erklärt (muss es ja schließlich, alles andere wäre ein Widerspruch in sich), dass alles gar nicht so dramatisch sei, weil es sich bei dem neuen Entgeltsystem um ein „lernendes System“ mit budgetneutraler und fünfjähriger Überführungsphase handelt.

Wobei angemerkt werden muss, dass das System trotzdem ab 2015 für alle Einrichtungen verpflichtend ist!

Was das am Ende bedeutet, haben wir alle im Gesundheitssystem, dank fachfremder Technokraten, mit einem Bürokratiemonster nach dem anderen schon mehr als leidvoll erfahren müssen.

Herr Bahr operiert hier „am offenen Herzen“.

Was in Deutschland inzwischen wirklich krank ist, das ist das Gesundheitssystem.

Mit PEPP wird nun ein weiteres Puzzleteil hinzugefügt.

Ein Kommentar zu “
SPECIAL: Neues Entgeltsystem PEPP – Anmerkungen zu Bahrs PEPP-Verordnung”
  1. Herr Bahr von der FDP zeichnet neben dem Pflege-Bahr auch für PEPP verantwortlich, gegen das mit dem Slogan: PEPP ist NEPP von Betroffenen demonstriert wurde:

    http://www.bz-mg.de/gesundheit-soziales/pflege-altenheime-krankenversorgung-rehebilitation/peep-ist-nepp-der-protest-von-lvr-mitarbeiter-und-gewerkschaft-verdi-geht-weiter-mit-o-ton.html

    Es ist gerade mal 10 Monate her, dass Bahr nicht mehr Gesundheitsminister ist. Die Zeit dazwischen hat er sinnvoll genutzt und, lt. Süddeutscher Zeitung, fünf Monate für die amerikanische Denkfabrik Center for American Progress in Washington gearbeitet, die US-Präsident Barack Obama bei der Gesundheitsreform berät.

    Weiter schreibt die SZ (und auch andere Zeitungen und Medien berichten darüber), Zitat:

    „Der langjährige FDP-Politiker wird nämlich Generalbevollmächtigter der Allianz-Tochter und übernimmt dort die Leitung des sogenannten Leistungsmanagements. Nach einer Einarbeitungszeit soll er in den Vorstand aufrücken. Er wird damit so etwas wie der oberste Vertriebskoordinator des Unternehmens.“ Zitat Ende.

    Die Allianz wirbt auf ihrer HP mit dem von Bahr während seiner Amtszeit als Gesundheitsminister geschaffenen Produkt, dem “Pflege-Bahr”:

    „Allianz Pflegezusatzversicherung und PflegeBahr“

    https://www.allianz.de/gesundheit/pflegezusatzversicherung-pflege-bahr/

    Nun kann Herr Bahr den Verkauf dieses erstklassigen, von ihm (mit freundlicher Unterstützung der Versicherungsbranche, die stets nach neuen, lukrativen Geschäftsmodellen Ausschau hält?) kreierten Produktes demnächst direkt selbst als oberster Vertriebskoordinator fördern.

    Hoch lebe der Lobbyismus der FDP!

    „So bleiben Sie unabhängig im Pflegefall“, heisst der aktuelle ALLIANZ-Slogan auf deren Homepage.

    „Pflegefall Bahr?“ – unabhängig? – Wie „unabhängig“ war der eigentlich als Gesundheitsminister?

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