Ist das Theater noch zu retten? Pressesprecher Martin Siebold im Gespräch mit der BZMG

Red. Odenkirchen [ - Uhr]

bzmg-martin-siebold.jpgDie Vereinigten Städtischen Bühnen Krefeld und Mönchengladbach haben für die Spielzeit 2008/2009 bekanntlich einen zusätzlichen Finanzbedarf von gut 900.000 Euro.
Um die noch in der laufenden Spielzeit 2008/2009 drohende Zahlungsunfähigkeit des Theaters abzuwenden, hat die Theaterleitung einen Nachtragshaushalt aufgestellt und diesen als Beschlussentwurf für die Sitzung des Theaterkuratoriums am 28.10.2008 vorgelegt.

Dieser Tagesordnungspunkt wurde allerdings auf Antrag der Mönchengladbacher CDU-Fraktion vertagt, da noch weiterer Beratungsbedarf bestanden habe.

Die Mönchengladbacher Mehrheitsfraktionen aus CDU und FDP wollen diese zusätzlichen Mittel nicht zur Verfügung stellen. BZMG berichtete u.a. hier:

http://www.bz-mg.de/kunst-kultur-musik-literatur/luxus-theater-nur-fur-die-gesellschaftliche-elite.html

http://www.bz-mg.de/politik-verwaltung-parteien/fdp/fdp-lehnt-ausweitung-des-theateretats-ab.html

Die Mönchengladbacher und Krefelder CDU-Fraktionsspitzen Besten und Fabel verständigten sich zunächst darauf, dass sie einer Kostenübernahme durch die betroffenen Städte nicht zustimmen würden. Das war am 13.11.2008.

Mittlerweile hat die CDU Krefeld Zustimmung signalisiert, womit jedoch noch kein letztgültiger Beschluss gefasst worden ist. Die Mönchengladbacher FDP sieht die Möglichkeit, den anteiligen Mönchengladbacher Kostenbeitrag dem Theater als Darlehen zur Verfügung zu stellen.

Im Gespräch mit der BZMG antwortete Martin Siebold, Pressesprecher des Theaters Krefeld Mönchengladbach, u.a. auf Fragen, wie die zusätzlichen Kosten entstanden und welche denkbaren Folgen für die Zukunft des Theaters erwartet werden müssten:

BZMG: Herr Siebold, wie kam es zu den höheren Kosten?

Siebold: „Der diesjährige Tarifabschluss für den öffentlichen Dienst sieht auch für die Mitarbeiter an den Theatern in Deutschland eine Gehaltssteigerung von 5,1% in 2008 und eine weitere Steigerung in 2009 von 2,8% sowie eine Einmalzahlung von 225 Euro für jeden Beschäftigten vor.

Die ungewöhnliche Höhe dieses Tarifabschlusses war nicht abzusehen und hat für die Vereinigten Städtischen Bühnen weitreichende Folgen: Weil knapp 90% des Theateretats aus  Personalausgaben bestehen und im ursprünglichen Haushaltsentwurf nur 2% Tariferhöhung eingerechnet waren, entstand ein finanzielle Mehrbedarf von 3,1% (ca. 860.000 Euro)“.

BZMG: Wie konnte es zu dieser Haushaltslücke kommen?

Siebold: „Bereits seit 2002 sehen die Haushaltsentwürfe der Vereinigten Städtischen Bühnen Tariferhöhungen von jeweils 2% vor.

Dieser „Puffer“ wurde von der Theaterleitung bewusst eingebaut, um gegen Eventualitäten gewappnet zu sein (überdurchschnittliche Tariferhöhungen, Krankheitswellen innerhalb des Ensembles und somit erhöhter Gästebedarf, außergewöhnliche Anschaffungen oder Investitionen usw.).

Durch diese Maßnahme gelang es seit dem, so genannte „Haushaltsreste“ aufzubauen.

In 2005 hatten Krefeld und Mönchengladbach ihre jährlichen Zuschüsse von 2% auf 1% gesenkt. Preissteigerungen usw. wurden durch die „Haushaltsreste“ abgefangen. Schließlich wurden die städtischen Zuschüsse 2006/2007 ‚eingefroren‘.“

BZMG: Wann wurde das Kuratorium über die Haushaltsprobleme informiert?

Siebold: „Die Theaterleitung hat das Kuratorium regelmäßig über die  Haushaltssituation informiert und auf die zu erwartende Reduzierung der Haushaltsreste hingewiesen.

Das war beispielsweise am 17.10.2007 und am 24. Januar 2008.

Im Januar wies Generalintendant Pesel darauf hin, dass bei einem Tarifabschluss von beispielsweise 8% der Theaterhaushalt auf keinen Fall ausreichen würde und die Städte gefordert sein würden, ihre Zuschüsse zu erhöhen.“

BZMG: Wenn 90% des Theateretats aus Personalkosten bestehen, wo liegen dann Potenziale für Kosteneinzusparungen?

Siebold: „Die Theaterleitung bekam ausdrücklich den Auftrag, hinsichtlich der Spielplan- und Programmplanung in bewährter Weise weiter zu verfahren. Ein Ausgleich eventueller Fehlbeträge in der Spielzeit 2008/2009 wurde der Theaterleitung in einem Gespräch am 22. April 2008 zugesichert, wie der Krefelder Kulturdezernent Roland Schneider (SPD) unlängst bestätigt hat.

Demnach hat sich die Theaterleitung – auch in Bezug auf Sparmaßnahmen sowie Personalkürzungen – strikt an die Vorgaben des Kuratoriums gehalten … und sich auf die Zusagen zuständiger politischer Entscheidungsträger verlassen. Eine Ãœberschreitung des genehmigten Haushaltes hat es – wie in den 12 Spielzeiten zuvor – nicht gegeben.“

BZMG: … und die Konsequenzen für die Spielzeit 2009/2010?

Siebold: „Am 28.10.2008 wurde dem Kuratorium der Haushaltsentwurf für die Spielzeit 2009/2010 vorgelegt. Er sieht eine Erhöhung der städtischen Zuschüsse vor, da auch hier wieder u.a. Tarifsteigerungen mit eingerechnet wurden.“

BZMG: Welche Folgen hätte das für die Zuschüsse aus Krefeld und Mönchengladbach?

Siebold: „Die Zuschüsse müssten ab der Spielzeit 2009/2010 wie folgt aussehen: Krefeld: etwa 11,2 Mio. Euro, Mönchengladbach: etwa 11,4 Mio. Euro.

Und wir brauchen über diesen Punkt sehr schnell eine Entscheidung, denn wir müssen jetzt das Programm der kommenden Saison zusammenstellen und Regisseure, Bühnenbildner usw. verpflichten.

Falls die Zuschüsse nicht erhöht würden, hätte das natürlich auch Auswirkungen auf den Spielplan haben, also: weniger Stücke, konzertant aufgeführte Opern und vermindertes Angebot nicht nur im Kinder- und Jugendtheaterbereich.“

BZMG: … und Preiserhöhungen?

Siebold: „Zum allseits beliebten Thema Preiserhöhungen lassen Sie mich aus dem Protokoll der Kuratoriumssitzung vom 17. Oktober 2007 zitieren: ‚Beigeordneter Schneider weist darauf hin, dass die Geschäftsführung der Vereinigten Städtischen Bühnen für die Entgeltordnung nicht zuständig sei. Die Verwaltung wird eine entsprechende Vorlage in den Kultur- und Denkmalausschuss einbringen.‘

Kurzum: Die Räte beider Städte sind für die Kartenpreis- und Abo-Gestaltung zuständig.

BZMG: Herr Dr. Jansen-Winkeln (FDP Mönchengladbach) hat am Wochenende auf einem FDP-Parteitag behauptet, der Theaterleitung sei vom 3 Jahren per Beschluss aufgetragen worden, das „Geschäftsmodell“ für das Theater zu ändern und dieser Beschluss sei im Zusammenhang mit dem Rödl-Gutachten erneuert worden. Trifft das zu und was hat die Theaterleitung bezüglich des so genannten „Geschäftsmodells“ getan?

Siebold: Von einem „Geschäftsmodell“ kann nicht die Rede sein.

Falls Herr Dr. Jansen-Winkeln die Verwaltungsreform meinen sollte, so ist festzuhalten, dass dieser Vorgang läuft.

Dem Theaterkuratorium sind vier Modelle vorgestellt worden und es hat sich für „Modell 1“ entschieden, allerdings mit der Zielvorgabe, irgendwann beim „Modell 4“ zu landen.

Die Entscheidungen in diesem Zusammenhang werden jedoch nicht vom Theater, sondern ausschließlich vom politisch besetzen Kuratorium gefällt.

BZMG: Dr. Jansen-Winkeln sagte weiter, dass Sie vor zwei Jahren noch 1,5 Millionen EURO Rücklagen gehabt hätten. Wofür wurde das Geld verwendet?

Siebold: Diese ‚Rücklagen‘ – wir nennen sie'“Haushaltsreste‘ – sind in den vergangenen Jahren verwendet worden, um Kostensteigerungen z.B. aufgrund erhöhter Material- und Energiekosten aufzufangen.

BZMG: Die FDP Mönchengladbach macht den Vorschlag, dem Theater die aktuell erforderlichen Mittel „als Darlehen“ zu gewähren und erwartet dabei gleichzeitig das „Geschäftsmodell“ kurzfristig anzupassen. Würde das helfen?

Siebold: Dieser Vorschlag löst kein Problem, sondern verlagert es lediglich.

Ganz abgesehen davon, wie ein solches Darlehen rechtlich zu behandeln wäre, würde dadurch die dringend notwendige Planungssicherheit für das Theater nicht erreicht.

Außerdem müsste in ein derartiges Prozedere auch Michael Grosse, der designierte Nachfolger von Generalintendant Jens Pesel, mit einbezogen werden.

BZMG: Herr Siebold, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Günter Schnieders

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