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1. Community Ehemaliger Heimkinder: Eindrucksvolle Einweihungsfeier ihrer ersten Büroräume • Viel Anerkennung von Rednern und Teilnehmern [mit Audios]

Bernhard Wilms [ - Uhr]

[03.10.2017]  Seit über 5 Jahren engagiert sich Uwe Werner für die Rechte ehemaliger Heimkinder, die nach dem Krieg zwischen 1945 und 1975 in Einrichtungen der Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe untergebracht waren und dort körperlich, seelisch und sexuell misshandelt wurden.

Im Jahre 2015 gründeten Werner und weitere Betroffene die 1. Community Ehemalige Heimkinder NRW e.V., und wählten Uwe Werner zum Vorsitzenden.

Bis vor Kurzem hatte er zweieinhalb Jahre lang den Verein aus seiner privaten Wohnung heraus geleitet und auch Beratung in Angelegenheiten zur Entschädigung von ehemaligen Heimkindern durchgeführt.

Nun konnte der Verein nach umfangreichen Arbeiten ihrer fleißigen Handwerker eigene Räumlichkeiten im Haus der Lebenshilfe e.V. an der Bödikerstraße 74 in Rheydt beziehen.

Zum vergangenen Freitag, 29.09.2017, hatte die 1. Community zu einer Einweihungsfeier eingeladen zu der zahlreiche Personen, Organisationen und Politiker gekommen waren.

Erschienen waren auch Vertreter von Organisationen mit denen sich die Community bezüglich der Rechte von Menschen, die ehemals in deren Einrichtungen untergebracht waren, in Verhandlungen befand oder noch befindet.

Über 60 Teilnehmer konnte Uwe Werner begrüßen, die aufmerksam seiner Begrüßung und den Ausführungen der städtischen Dezernentin für Soziales, Dörte Schall (SPD), von Prof. Dr. Sven Steinacker von der Hochschule Niederrhein und Andreas Naylor, beim LVR zuständig für den „Heimfond“ und Claudia Lamsfuss, Beraterin für die Entwicklung von Wohnprojekten folgten.

Mit wohlgewählten Worten machte Werner auch sozusagen „zwischendurch“, besonders gegen Ende der Veranstaltung deutlich, mit welchen Schwierigkeiten die ehemaligen Heimkinder zu kämpfen hätten, elementare Rechte durchzusetzen, wie beispielsweise die Herausgabe wichtiger persönlicher Akten von Einrichtungen zu erhalten, in denen sie untergebracht wurden.

Die Teilnehmer, die die Entwicklung der Community begleitet oder verfolgt haben, wussten, wer mit diesen „Einrichtungen“ gemeint waren. Umso überraschter waren einige, dass Vertreter dieser Einrichtungen eingeladen worden und auch gekommen waren.

Deutlich wurde bei Werners Worten auch, wie sehr er sich in vielen Situationen auf seine Vorstandskollegen Heinrich Müsch und Jürgen Oldenburg und einer ganzen Reihe weitere Vereinsmitglieder stützen und verlassen kann.

Dazu zählt auch, dass sich mittlerweile eine Band mit dem vielsagenden Namen „Zwischenlandung“ gebildet hat (im Foto v.l.: Ricky Magen [Bass], Wolfgang Hermann [Gesang & Gitarre], Roland Obst [Gesang & Cajón], Helmut König [Gitarre]).

Diese Musikgruppe trug mit drei selbstkomponierten und selbstgetexteten Songs nicht nur zur Auflockerung der Einweihungsfeier bei, sondern brachte auch thematisch die berechtigten Befindlichkeiten der Betroffenen zum Ausdruck.

Davon zeugen schon die Songtitel „Heimkind“, „Egoismus“ und „Heuchelei“, auf die in einem weiteren BZMG-Artikel noch besonders einzugehen sein wird.

Als erste Rednerin würdigte die Mönchengladbacher Sozialdezernentin Dörte Schall (SPD) das Engagement und die Leistungen des Vereins und besonders von Uwe Werner, der es in herausragender Weise geschafft habe, den ernsten Hintergrund der Vereinsgründung in den Fokus zu rücken.

Schall wies darauf hin, dass in den Einrichtungen der Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe Grenzen überschritten wurden, wodurch die Grundrechte der Heimbewohner missachten worden seien.

Man wisse mittlerweile, dass dadurch bei vielen von ihnen geistige, körperliche und materielle Einbußen verursacht worden seien, die bis heute in das Erwachsenenalter nachwirken.

Dem Verein sei es gelungen, Möglichkeiten gegenseitiger Hilfe zu schaffen, bei Verarbeitung des Erlebten mitwirken zu können und der Öffentlichkeit deutlich zu machen, was in den Jahren nach dem Krieg, bis in die 1970er Jahre geschehen war.

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Prof. Dr. Sven Steinacker vom Fachbereich „Soziale Arbeit“ von der Hochschule Niederrhein beschrieb das Zustandekommen der Zusammenarbeit auf Initiative von Uwe Werner, nach der dieser in einem Seminar vor zahlreichen Studenten über die Schicksale der Heimkinder berichtet hatte.

Es sei eine „bombastische“ Veranstaltung mit einer großen positiven Resonanz bei der Seminarteilnehmern gewesen.

Steinacker bekräftigte das große Interesse einer weiteren Kooperation zwischen den Wissenschaftlern und Hochschullehrern einerseits und den Betroffenenvertretern andererseits.

Als Gemeinsamkeit stellt er das beiderseitige Interesse an einer kritischen Aufarbeitung dessen heraus, was seinerzeit in den Heimen geschehen sei, aber auch mit Blick auf aktuell Vorfälle ähnlicher Art.

Dabei solle untersucht werden, was zu den Zuständen in den Heimen geführt habe und was unternommen werden könne, dass so etwas nicht wieder vorkommen könne. „Ohne Sie geht es tatsächlich nicht“, sagte Prof Steinacker in diesem Zusammenhang.

Die Thematisierung der Heimerziehung müsse darüber hinaus ein wichtiger Bestandteil der Schulung junger Menschen sein, auch weil das Kapitel nicht abgeschlossen sei und es sich dabei um Aspekte von grundlegender Bedeutung handele.

Steinacker zitierte aus Eindrücken von zwei Studierenden, wie eindrucksvoll es gewesen war, was Uwe Werner im Seminar vorgetragen hatte.

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Einen auf den ersten Blick nicht einfachen Part am Tag der Einweihung der Büroräume der Community hatte Andreas Naylor in seiner Funktion als Leiter der Anlauf- und Beratungsstelle und damit Vertreter des LVR, der im Rheinland mit der „Abwicklung“ der Ansprüche ehemaliger Heimkinder an die beiden „Heimfonds“ beauftragt ist.

Lange Zeit war das Verhältnis von LVR einerseits und Verein und Uwe Werner andererseits von Spannungen gekennzeichnet. Das hat sich offensichtlich wesentlich verbessert.

Denn im Gegensatz zu früheren Mitarbeitern des LVR, deren Verständnis für die Rechte und Ansprüche ehemaliger Heimkinder sich ganz offensichtlich „in Grenzen“ gehalten hatte, scheint es Naylor gelungen zu sein, ein wesentlich kooperativeres Veerhältnis zu den Betroffenen und dem Verein 1. Community als deren Berater aufzubauen.

Wie seine Vorredner fand auch Naylor persönlich anerkennende Worte für das Team der 1. Community und für Uwe Werner. Möglicherweise unbewusst, aber dennoch treffend sprach er vom Verein als „First Community“ nicht im Sinne dessen, als dass es auch eine zweite geben könnte, sondern im Sinne einer „Top-Adresse“ für ehemalige Heimkinder, ohne allzu viel hinein interpretieren zu wollen.

Im Namen des LVR verlas Andreas Naylor ein Grußwort von Landesrat Lorenz Bahr, Dezernent für Jugend und Leiter des Landesjugendamtes, der sich vom Zusammenschluss ehemaliger Heimkinder beeindruckt zeigte.

Deutlich sprach Bahr von Verbrechen, die Staat und Kirchen an den Heimkindern begangen habe und viele Betroffene seien daran zerbrochen.

Er sprach weiter von einem großen Verdienst des „streitbaren“ Vorsitzenden Uwe Werner u.a. mit seiner gut funktionierenden Öffentlichkeitsarbeit.

Ein Verdienst Werners sei auch, dass sich seit kurzem regelmäßige Beratungsstunden in Mönchengladbach in Räumen des Paritätischen etabliert haben.

Grußwort des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR)

Dass der LVR dem Verein ganz offiziell gratuliert, sei ein Zeichen der Anerkennung, die er sich erarbeitet habe, erklärte Naylor abschließend und ergänzte, dass er persönlich gerne mit ihm zusammenarbeite.

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Mit auf den Weg gaben einige Betroffene aus dem Publikum Naylor einige Fragen und Aspekte, wie beispielsweise:

  • Wie viele Anträge haben Einrichtungen und gesetzliche Betreuer an den Heimfond gestellt, für ehemalige Heimkinder, welche noch heute in den Einrichtungen der Behindertenhilfe bzw. Betreutes Wohnen leben?
  • Warum können Selbsthilfegruppen und Vereine nicht aus dem Heimfonds Stiftung ” Anerkennung und Hilfe” finanziell gefördert werden?
  • Wieso müssen ehemalige Heimkinder sich einen aktuellen Renten-Versicherungsverlauf besorgen, wenn doch die Auszahlung durch das Hauptbüro der Deutschen Rentenversicherung in Bochum (Geschäftsstelle) veranlasst wird?

In weiteren Gesprächen am Rand der Veranstaltung wurde deutlich, dass Mönchengladbacher Einrichtungen, in denen ehemalige Heimkinder untergebracht waren, sich immer noch permanent weigern, ihnen die ihnen zustehenden Heimakten zur Verfügung zu stellen.

Es verfestigt sich der Eindruck, dass die Akteninhalte die Einrichtungen nicht gerade in einem „guten Licht“ erscheinen lassen oder aber die Akten mittlerweile (aus dem gleichen Grund?) nicht mehr existieren würden.

Last but not least trat Claudia Lamsfuss, Beraterin für die Entwicklung von Wohnprojekten ans Mikrofon.

Ihre Zusammenarbeit mit dem Verein berücksichtigt die Tatsache, dass viele ehemalige Heimkinder sowohl unter demografischen als auch unter gesundheitlichen Aspekten in einem Alter sind bzw. in ein Alter kommen, in dem Pflege und Betreuung stärker in den Fokus rücken.

Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass Menschen, die lange Zeit in einem Heim gelebt haben, im Alter nicht wieder in einem Heim leben wollen.

Anfangs schien die Aufgabe nicht allzu schwer, wie Lamsfuss berichte, hatte sie doch bislang für Auftraggeber gearbeitet, die Heime oder ambulante Dienste „für“ Betroffene betreiben.

Die neue, mittlerweile abgeschlossene Aufgabe lautete jedoch, ein Konzept „mit“ Betroffenen zu entwickeln. Mit Menschen, die im Alter mit der Würde behandelt werden wollen, die man ihnen in jungen Jahren genommen hatte.

Ihre Arbeit war auch geprägt von der Tatsache, dass sie für Institutionen arbeitet, die Heime und Einrichtungen betreiben. Dies habe ein Spagat bedeutet, für den viel Vertrauen aufzubringen gewesen sei.

„Denn auch heute noch erfahren die ehemaligen Heimkinder, dass sie vergessen, nicht berücksichtigt werden und sie sich ignoriert fühlen“, sagt Claudia Lamsfuss und appelliert, dass den ehemaligen Heimkindern zugehört werden müsse, wenn sie um Hilfe und Anerkennung bitten.

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