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„Kollektiv der Zahlenjongleure“ – Teil XII: Erweiterungsplanung für die Zentralbibliothek auf Grundlage von „Strichlisten“?

[1]Strichlisten gehören zu den „flexibelsten“ Mitteln statistischer Datenerfassung. Sie sind besonders dann hilfreich, wenn man keine objektiv nachprüfbare Datenbasis für Entscheidungen schaffen möchte. So auch bei den Besucherzahlen der Zentralbibliothek?

Der Neubau der Zentralbibliothek ist vom Tisch. Nun muss die Verwaltung das tun, was sie schon längst hätte machen sollen: Verschiedene Szenarien für die Bibliothek an der Blücherstraße erarbeiten.

Dann müsste die Politik sich darüber Gedanken machen und entscheiden, wie es weiter gehen soll.

Ausnahme: Die Brandschutzsanierung muss die Politik nicht entscheiden. Sie gehört zu pflichtgemäßem Verwaltungshandeln, will man nicht Gefahr laufen, dass die Zentralbibliothek Ende 2014 aus Sicherheitsgründen geschlossen werden muss.

Ob es zu einer energetischen Sanierung kommen muss, ist fraglich, weil schon die Kostenschätzung zur Brandschutzsanierung eine neue Heizungsanlage vorsieht.

Denn die der Bibliothek ist in die Jahre gekommen und in Teilbereichen wird, wie zu vernehmen war, noch elektrisch geheizt.

Bleibt also die Frage nach einem Erweiterungsbau.

Der könnte dann sinnvoll werden, wenn in der Bibliothek an der Blücherstraße (in Zukunft) eine derartige Enge herrschen würde, dass ein geregelter Bibliotheksbetrieb nicht mehr gewährleistet werden könnte.

Treffend dazu eine der Fragen der FWG zum inzwischen ad acta gelegten „Neubau-Begehren“ der Bibliotheksverwaltung, der „Lobby für Utopia“ und der Grünen: „Welche Anforderungen kann das vorhandene Gebäude nicht mehr erfüllen?“

Als Hauptgrund für einen Bibliotheksneubau wurde immer und immer wieder erklärt, dass die Bibliotheken die meistgenutzten Kultureinrichtungen dieser Stadt seien.

Der Beweis dafür ist bis zum heutigen Tag nicht erbracht.

Vom automatischen Zählen der Ein- und Ausgehenden an den Gates, was mit Besuchern gleichgesetzt wird, abgesehen. Durch nichts als Behauptungen untermauert, ist diese Aussage nichts wert. Ob das den (Neubau-) und potenziellen Erweiterungsbau-Befürworten gefällt oder nicht.

Nach wie vor steht die Frage im Raum, wie manche Zahlen ermittelt und wie daraus die bekannten Behauptungen abgeleitet wurden.

Denn irgendwie müssen Zahlen schließlich ermittelt, kreiert 0der auf welche Art auch immer zustande gekommen sein.

Was ist der Maßstab, das Kriterium, wenn behauptet wird, dass die Bibliothek die meistgenutzte Kultureinrichtung ist und 60% der Besucher keine Ausleihe tätigen?

Diese Aussage kann letztendlich nur durch nachprüfbare Daten belegt werden, wozu auch die Beantwortung der Frage gehört, wie diese Zahlen ermittelt wurden bzw. werden.

Aber auch die stets wiederholten weiteren Argumente, sind ebenfalls zu hinterfragen. Es ist die Rede von „bibliothekarischem Standard“, der Bibliothek als Bildungs-, Kultur- und Medienzentrum, von sozialem, bildungs- und kulturpolitischem Auftrag, ja, es wurde schon fast der Eindruck erweckt, dass diese Stadt, zumindest bildungstechnisch, ohne neue Bibliothek (oder demnächst ohne erweiterte Bibliothek) nicht mehr zu retten und dem sicheren Untergang geweiht ist.

Nun gibt es die ominöse Berichtsvorlage Nr. 333/VIII, die – mangels Konsens im Verwaltungsvorstand – 2010 und (identisch) erneut 2011 nur im Kulturausschuss gehandelt wurde und sozusagen „auf kaltem Wege“ auch im Rat Bedeutung erlangte, als an der Neubaufrage für eine Zentralbibliothek die Ampel zerbrach.

Was liegt also näher dieses Papier der Bibliotheksverwaltung erneut näher zu betrachten. Darin finden sich zwar auch keine konkreten Zahlen, dafür aber folgender Satz:

„Regelmäßige Zählungen bestätigen, dass 60% der Besucher keine Ausleihe tätigen, sondern die Bibliothek vor Ort nutzen, sich in der Bibliothek aufhalten, lesend verweilen, recherchieren, Informationen elektronisch abrufen, gemeinsam Referate bearbeiten, Familienforschung betreiben, historische Zeitungsbände einsehen uvm“. (Zitat Ende)

Dass es ein Trugschluss ist zu glauben, dass die an 100% fehlenden 40% der Besucher demzufolge (was eine mathematische Folgerung wäre) auch etwas entleihen, wurde bereits korrigiert.

Tatsächlich sind es gerade einmal 5% der Besucher, die etwas entleihen.

Logisch also, beim Urheber dieser Aussage zu der dubiosen, auffälligen Diskrepanz nachzufragen, wie die sehr vage Aussage, dass „regelmäßige Zählungen“ zu dem Ergebnis geführt hätten, zustande kam.

Also lautete die einfache BZMG-Frage an den Fachbereichsleiter Guido Weyer (wie üblich über die städtische Pressestelle):

„Wie wurde „regelmäßig gezählt“ und wie wurden die 60% der Besucher ermittelt, die nichts ausleihen?“.

Die Antwort ließ etwas auf sich warten und ist bis heute letztendlich nicht wirklich gegeben worden.

Saß jemand im Eingangsbereich mit Papier und Bleistift bewaffnet und führte eine Strichliste? Wie konnte der-/diejenige nachverfolgen wer wie lange zu welchem Zweck in der Bibliothek weilte?

Wie auch immer, Weyers Antwort lautete:

„Mit der alten EDV konnte die Anzahl der Entleiher ermittelt werden. Gleichzeitig liefern die Gates an den Ein- und Ausgängen die Anzahl der Besucher. Mit einer einfachen Subtraktion (Besucher minus Entleiher) ergab sich die Anzahl der Nicht-Entleiher.

Da wir heute unter veränderten technischen Voraussetzungen diese Abfrage nicht mehr stellen können, sind wir auf Beobachtung angewiesen.

Technische Veränderungen der letzten Jahre, nicht zuletzt die Nutzung der Bibliothek von Zuhause (Katalogansicht, Kontoführung, Verlängerung, Vormerkung von Büchern) sowie die Außenrückgabe an der Zentralbibliothek 7 Tage die Woche 24 Stunden lang, verändern die Nutzungsgewohnheiten und damit auch die Zahlen.

Insofern ist die Anzahl der Präsenznutzer (z.B.: Zeitungsleser und Schüler/Studenten, die gemeinsam in der Bibliothek lernen/studieren u.a.m.) vermutlich gesunken. (Gleichzeitig erhöht sich erkennbar die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Kunden.)“ (Zitat Ende)

Die Zahl der „Präsenznutzer“, also gerade diejenigen, die einen nicht unerheblichen Teil der Begründung pro Neubau ausmachten und demnächst dann auch für einen nunmehr vielleicht gewünschten Erweiterungsbau herhalten sollen, ist „vermutlich gesunken“?

Sinkende Präsenzzahlen, also demzufolge auch ein Rückgang der angeblich 60% der Besucher, die die Bibliothek nur vor Ort nutzen (also nichts entleihen), sind keinesfalls geeignet einen Erweiterungsbau zu fordern.

Wenn schon jetzt sinkende Präsenzzahlen vermutet werden, wie wird es dann erst in einigen Jahren aussehen?

Eine Tatsache ist schließlich, dass auf Grund demografischer Auswirkungen bis zum Jahr 2020 die Bevölkerung in Mönchengladbach um 3,4% zurückgehen wird. In den Jahren danach wird es vermutlich auch nicht besser aussehen.

Gerade dem zuständigen Dezernenten Dr. Fischer müsste das mehr als klar sein.

Bedauerte er doch in der letzten BV West-Sitzung am 23.04.2013, dass die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die Sportstätten nutzen in den nächsten Jahren um bis zu 800 sinken werde, was gravierende Folgen haben werde und Überlegungen zur Schließung regelrecht erzwinge.

Gilt diese Aussage nur für Sportstätten? Mit Sicherheit nicht!

Die Antwort des Fachbereichsleiters Stadtbibliothek, Guido Weyer, ist keine Erklärung, sondern wirft unweigerlich weitere Fragen auf.

Vorab: Wir hatten (über die Pressestelle) um die Beantwortung weniger umfangreich als hier aufgeführt, gebeten.

Die nachstehenden Fragen ergaben sich zwingend aus der verwirrenden Antwort von Weyers auf eine klar formulierte, sich logisch ergebende Frage, die schlicht mit der Erklärung wie die „regelmäßige Zählung“ stattfand und vermutlich immer noch stattfindet, hätte beantwortet werden können, ja müssen.

Genau dies geschah bedauerlicherweise nicht und hat eine seitdem herrschende quasi „Funkstille“ seitens der Verwaltung zur Folge.

Zur Verdeutlichung hier also Satz für Satz die Antwort des Fachbereiches mit den sich jeweils daraus ergebenden neuen Fragen.

Fachbereichsleiter Weyer: „Mit der alten EDV konnte die Anzahl der Entleiher ermittelt werden.“

Fragen dazu:

  • Was versteht der Fachbereich unter „alter EDV“?

Elektronische Datenverarbeitung bedeutet lediglich die Verarbeitung von Daten durch elektronische Maschinen, also Computer (Hardware). Ist hier die Hardware oder die Software gemeint?

  •  Bedeutet die Aussage, dass mit der „alten EDV“ die Anzahl der Entleiher ermittelt werden konnte, dass dies mit einer demzufolge „neuen EDV“ nun nicht mehr möglich sein soll?
  • Seit wann gibt es die „alte EDV“ nicht mehr?

2011 muss es sie noch gegeben haben, da die Zahl der Entleiher an die Deutsche Bibliotheksstatistik gemeldet wurde.

  • Wie werden nun die Daten für die Deutsche Bibliotheksstatistik (DBS) erhoben, bei der sowohl Entleiher als auch Besucher anzugeben sind?

Bis 2011 wurden diese Daten auch von der Stadtbibliothek gemeldet. Die Zahlen für 2012 waren bis 15.02.2013 zu melden und sind aktuell noch nicht verfügbar. In 2012 waren sie für 2011 ab August verfügbar.

Beteiligt sich Mönchengladbach nicht mehr an den Erhebungen?

Fachbereichsleiter Weyer: „Gleichzeitig liefern die Gates an den Ein- und Ausgängen die Anzahl der Besucher. Mit einer einfachen Subtraktion (Besucher minus Entleiher) ergab sich die Anzahl der Nicht-Entleiher.“

Frage dazu:

Wenn so verfahren wurde, hätte die Zahl der Nicht-Entleiher in der Berichtsvorlage mit 95% angegeben werden müssen.

Bei Basis 100% der durch die Gates gezählten Besucher minus der DBS gemeldeten Zahl Entleiher, die 5% entsprachen, ergibt, zumindest rechnerisch, 95% und nicht wie vom Fachbereich ausgeführt 60%.

Fachbereichsleiter Weyer: „Da wir heute unter veränderten technischen Voraussetzungen diese Abfrage nicht mehr stellen können, sind wir auf Beobachtung angewiesen.“

Fragen dazu:

  • Was ist unter „veränderten technischen Voraussetzungen“ zu verstehen?
  • Ist unter „diese Abfrage nicht mehr stellen können“ die Zahl der Besucher gemeint, die durch die Gates ermittelt wurden oder können, was unwahrscheinlich, ja unglaublich erscheint, neuerdings tatsächlich die Entleiher nicht mehr ermittelt werden?

Die Vermutung liegt nahe, weil ausdrücklich erläutert wird, dass man „auf Beobachtung angewiesen“ sei.

Also ergeben sich daraus die Fragen:

  • Wie geschieht diese „Beobachtungen“, auf die man angewiesen ist?
  • Falls die Gates nicht mehr funktionieren sollten, warum wurden sie nicht demontiert?

Womit sich wieder die ursprüngliche Frage auf Grund der Berichtsvorlage 333/VIII ergibt:

  • „Wie wurde „regelmäßig gezählt“ und wie wurden die 60% der Besucher ermittelt, die nichts ausleihen?“
  • Wie und in welchem zeitlichen Rahmen (z.B. ständig, nur hin und wieder, an bestimmten Werktagen?) wurden und werden die so genannten „regelmäßigen Zählungen“ vorgenommen?

Fachbereichsleiter Weyer: „Technische Veränderungen der letzten Jahre, nicht zuletzt die Nutzung der Bibliothek von Zuhause (Katalogansicht, Kontoführung, Verlängerung, Vormerkung von Büchern) sowie die Außenrückgabe an der Zentralbibliothek 7 Tage die Woche 24 Stunden lang, verändern die Nutzungsgewohnheiten und damit auch die Zahlen.“

Fragen dazu:

  • Welche „technischen Veränderungen der letzten Jahre“ sind hier gemeint?
  • Was bedeutet die Nutzung der Bibliothek von Zuhause nach Meinung des Fachbereiches schlußendlich außer der Aussage, dass sich die „Nutzungsgewohnheiten“ veränderten?
    Weniger Besucher?
  • Wird die Außenrückgabe mittels RFID, wie von der Deutschen Bibliotheksstatistik vorgesehen, auch in Mönchengladbach als „Besuch“ gewertet?
  • Welche Nutzungsgewohnheiten, die wahrgenommen worden sein müssen, um sie benennen zu können, verändern nach Meinung des Fachbereiches die Zahlen?

Fachbereichsleiter Weyer: „Insofern ist die Anzahl der Präsenznutzer (z.B.: Zeitungsleser und Schüler/Studenten, die gemeinsam in der Bibliothek lernen/studieren u.a.m.) vermutlich gesunken. (Gleichzeitig erhöht sich erkennbar die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Kunden.)“

Fragen dazu:

  • Warum wurde bei sinkender Zahl der Präsenznutzer ein Neubau gefordert?
  • Woher weiß der Fachbereich, dass die Anzahl der Präsenznutzer vermutlich gesunken ist?
  • Wenn schon die bisherigen „technischen Veränderungen der letzten Jahre“ die Nutzungsgewohnheiten veränderten, wie wird die Auswirkung durch die nun mögliche Onleihe sein?
  • Werden durch die Onleihe auch nach Meinung des Fachbereiches die Präsenznutzer weiter sinken?
  • Da man nun, wie mitgeteilt, auf „Beobachtungen“ angewiesen ist, bleibt es bei der Frage wie, auf welche Art und Weise, wann und wie werden die wie auch immer „beobachteten“ Ergebnisse erfasst?

Da die Pressestelle nicht nachvollziehen kann, wie sich auf Grund der Antwort des Fachbereiches noch Fragen ergeben können, wurde vorgeschlagen sich diese in einem Gespräch beantworten zu lassen.

Eine solche Vorgehensweise hat jedoch eine Aussage- und Beweiskraft die gegen Null tendiert.

Mündliche Vorträge und „Berichte“ scheinen insbesondere im Dezernat Dr. Fischer ein beliebtes „Stilmittel“ zu sein. So bleibt der Vortrag unverbindlich und dessen Inhalt und Aussagen „flexibel“.

Es ist nun einmal angenehmer Äußerungen von sich zu geben, die später niemand, mangels schriftlicher Grundlage, mehr prüfen kann, weil sie in Sitzungen z.B. vom Protokollführer nicht in Gänze dokumentiert und erst recht nicht von den zuhörenden Politikern mitgeschrieben werden können.

Was im Übrigen genauso problematisch ist und zu neuen Unklarheiten führen kann.

„Wer schreibt der bleibt“ ist jedenfalls nicht Sache des Fischer-Dezernates. Dort gibt man so wenig wie möglich schwarz auf weiß zum „nach Hause tragen“ heraus.

Dass die ominöse Berichtsvorlage Nr. 333/VIII eine Ausnahme macht, ist insofern nachzuvollziehen, als die meisten Inhalte dieser Vorlage allgemeiner Natur sind und nur der aktuelle Sprachgebrauch, Zielsetzungen und gewünschte Neuausrichtung der gesamten Bibliotheksszene übernommen werden musste.

Dass die große, (bewusst?) schlecht formatierte Textmenge dazu führen würde, dass kaum jemand der Politiker das Dokument vollständig durchlesen und/oder verstehen konnte oder wollte, könnte Kalkül gewesen sein.

Jedem Interessierten sei empfohlen nur den folgenden Satz im WWW zu recherchieren:

„Bibliotheken sind die meistbesuchten Kultur- und Bildungseinrichtungen“.

Dazu muss die Frage erlaubt sein: ist „meist besucht“ ohne klare Erläuterung wie diese Aussage belegt, zu verstehen und vor allem für Statistiken erfasst wird, eine ausreichende Legitimation für nahezu alles was ein Bibliothekarsherz begehrt, sogar noch bei Sinken der Besucherzahlen?