Offener Brief zum Beitrag „Pyrrhussieg“ in der RP vom 6.11.2010

Jochen Hermanns [ - Uhr]

6-november-pyrrhussiegSehr geehrter Herr Jüngermann, Ihr Kommentar in der RP vom 6.11.2010 in der Rubrik „Mensch Gladbach“ mit dem Titel „Pyrrhussieg“ kann aus meiner Sicht nicht unkommentiert bleiben.

Da Leserbriefe in ihrer Zeitung meist nur in Auszügen dargestellt und dadurch oft sinnentstellt werden, wende ich mich direkt an Sie.

Als Historiker mögen Sie ja noch gerade so durchgehen, aber als Redakteur fällt mir die Einordnung schon schwerer.

Wird man etwas abgestumpft über die Jahre? Vielleicht meint man dann, dass Süffisantes aus der eigenen Feder auch alle anderen lustig finden müssen.

Bevor Sie nicht genau wissen, was Wanlo, Beckrath und Hochneukirch zugemutet wird, sollten Sie allerdings erst einmal innehalten, bevor Sie die Situation dort vor Ort ins Lächerliche ziehen und uns als fortschrittfeindliche Perma-Nörgler darstellen, die die Politik erpressen.

Außerdem sollte man bei allem, was man so veröffentlicht, wenigstens halbwegs der Wahrheit verpflichtet bleiben.

In Ihren Kommentaren ist das meiner Meinung nach leider nicht immer der Fall.

Wie auch, wenn, statt journalistisch sauber zu recherchieren, lieber einfach oberflächlich daher geplappert wird oder gar nur übernommen wird, was andere aufbereitet haben? Obwohl oberflächlich? Nein, ich denke, das muss ich „zurechtruckeln“, wie Sie so nett zu sagen pflegen.

Denn das, was Sie schreiben, ist vermutlich nie unbedacht. Ihnen ist vollkommen bewusst, dass Ihre Kommentare sehr wohl meinungsbildend bei Ihren Lesern wirken. Kaum ein (oft unbedarfter, unkritischer) Leser kann zwischen der subtil transportierten Meinung eines Redakteurs und einem Tatsachenbericht unterscheiden.

Und das ist das üble an der Sache.

Sie behaupten, dass es bei der Auseinandersetzung um den Methangasstandort Wanlo nur noch am Rande um Argumente gehe. Das ist eine Unterstellung, die Sie begründen müssen. Wie kommen Sie zu dieser Feststellung?

1.020 Stellungnahmen sind zum Bauvorhaben bei der Stadt eingegangen. Über 150 (und nicht wie von Ihnen tiefgestapelt 100) Menschen sind zur Anhörung am 4.11.2010 in Wickrath erschienen, um Ihre Einwendungen sachlich und fundiert nochmals mündlich zu erläutern. Dies zum überwiegenden Teil mit hoher Kompetenz. Kein Geschwafel oder nur simples: „Ich bin dagegen“.

Es grenzt an Verleumdung, ja an Verunglimpfung der Bürger, die sich gegen den Bau einer Methangasanlage am Standort Wanlo und deren Folgen einsetzen, sie als „Erpresser“ hinzustellen. Nichts anderes suggerieren Sie in Ihrem Kommentar.

Ist ein Vater, der um das Leben seiner 2- und 7-jährigen Kinder besorgt ist, weil zur Erntezeit im 6-Minuten-Takt auf einer sehr schmalen Straße tonnenschwere Maistransporter an seinem Haus vorbeidonnern, ein Erpresser, wenn er dies „seinen“ Politikern erzählt?

Sind Eltern, die aus demselben Grund besorgt sind, weil sich genau auf dieser Straße der Kindergarten, den ihre Kinder besuchen, liegt, Erpresser?

Ist derjenige ein Erpresser, der darauf hinweist, dass in der Standortabwägung in der Begründung zum Bebauungsplan (708/W) von Seiten der NVV behauptet wird, der Standort Güdderath sei von der Stadt Jüchen abgelehnt worden, obwohl in der offiziellen Stellungnahme der Stadt Jüchen darauf hingewiesen wird, dass so eine Aussage niemals getroffen wurde?

Muss sich jemand von Ihnen als Erpresser titulieren lassen, der von seinen gewählten Volksvertretern wenigstens den Erhalt von dem bisschen Lebensqualität einfordert, das, angesichts des bevorstehenden Tagebaus Garzweiler II mit all seinen Auswirkungen, dem Windpark keine 600 Meter von Wanlo entfernt und dem, was sonst noch alles in den letzten Jahren mit Zustimmung und Willen der Stadtpolitiker nach Wanlo verlagert wurde, übrig geblieben ist?

Wird man dem gerecht, der argumentiert, dass die im Verkehrskonzept ausgewiesenen Fahrtrouten über Straßen geführt werden, die für den zu erwartenden Schwerlastverkehr nicht geeignet sind, indem man ihn als Erpresser bezeichnet?

Ist es gerechtfertigt jemanden einen Erpresser zu nennen, der seine Stadtpolitiker darauf hinweist,

  • dass 66% aller anliefernden Landwirte nicht aus dem Stadtgebiet von Mönchengladbach kommen und damit die permanenten Falschbehauptungen der NVV entlarvt,
  • dass der Standort Wanlo nicht zentral zur vertraglich fixierten Anbaufläche liegt,
  • dass schon allein wegen der Lage der Anbauflächen Wanlo der falsche Standort ist, weil er am weitesten von den Anbauflächen entfernt ist,
  • dass wegen des Tagebaus Garzweiler II rund ein Drittel der potenziellen Maisanbaufläche in der „näheren“ Umgebung der Anlage wegfällt,
  • dass bisher erst rund zwei Drittel der für die Bestückung der Anlage benötigten Anbauflächen vertraglich zugesichert sind,
  • dass ein großer Teil der Anbauflächen weit außerhalb des vermeintlich ökologisch sinnvollen Radius von 15 km akquiriert wurden,
  • dass 2/3 der Landwirte nicht aus Mönchengladbach kommen, obwohl der Antrag zur Änderung des Flächennutzungsplanes lautete, dass die NVV zusammen mit „ortsansässigen Landwirten“ eine Methangasanlage betreiben wolle?

Ist man ein Erpresser, wenn man zu einer nicht öffentlichen Anhörung eingeladen wird und darauf aufmerksam macht, dass die Nicht-Öffentlichkeit nicht gewährleistet ist?

Kann man den einen Erpresser nennen, dem es nicht gefällt, dass in einer nicht-öffentlichen Sitzung, von einem NVV-Techniker(!) alles mitgeschnitten wurde, ohne darüber die Anwesenden informiert zu haben und dieser seinem Unmut Ausdruck verleiht?

Ich könnte Ihnen noch unzählige Argumente gegen eine Methangasanlage am Standort Wanlo aufzählen, aber, um einen halbwegs passablen Historiker zu einem guten Journalisten zu machen, bedarf es auch der Eigeninitiative des Historikers.

Es geht nicht darum, irgendwelche Politiker egal welcher Couleur zu diskreditieren, wie ihr Kommentar vermuten lässt. Ich glaube zum Beispiel einem Herrn Vennen, dass er von den Tonaufzeichnungen während der Anhörung nichts gewusst hat.

Wenn eine Bürgerinitiative davon spricht, dass sie eine rechtliche Bewertung eines Bestandteiles des Bauleitplanverfahrens vornehmen werden wird, entspricht dies auch noch lange nicht dem Tatbestand einer Erpressung, sondern ist ihr gutes Recht.

Dies wird doch auch von der Stadt Mönchengladbach so gehandhabt. Diese hatte ihren Juristen in Person von Herrn Dr. Rhein sogar zur Anhörung geschickt.

Und eine juristische Bewertung aller Einwände und Stellungnahmen wird seitens der Stadt sowieso vorgenommen.

Sie behaupten, dass der Bau einer Methangasanlage aus vielerlei Gründen richtig und wichtig sei. Sie heben hervor, dass die Gesamtstadt davon erheblich profitieren wird. Mag sein, dass die Gesamtstadt sogar ein wenig von einer Methangasanlage, die maximal 1.500 Haushalte mit Energie versorgen könnte, profitieren könnte, durch zum Beispiel Gewerbesteuereinnahmen, wenn die Methangasanlage dann irgendwann einmal schwarze Zahlen schreibt.

Dabei ist eines zu bedenken, da sind wir wieder bei der Historie, Rom als Stadt oder Staat – wie man auch will – war eine Gemeinschaft. Da mussten alle ran, wenn diese Gemeinschaft bedroht wurde, das ist vor 2300 Jahren schon so gewesen, sonst hätte Pyrrhus leichtes Spiel gehabt.

Das sollte auch heute auf die Stadt Mönchengladbach zutreffen. In einer Gemeinschaft müssen auch die Lasten gemeinsam geschultert werden. Es kann nicht sein, dass dies immer nur auf Kosten der Wanloer Bevölkerung geschieht.

Ihrer baldigen/kurzfristigen Antwort sehe ich mit großem Interesse entgegen.

Mit freundlichen Grüßen

Jochen Hermanns

Mitglied der Bürgerinitiative und „Erpresserbande“ aus Wanlo

3 Kommentare zu “Offener Brief zum Beitrag „Pyrrhussieg“ in der RP vom 6.11.2010”
  1. Einige Einwände von Herrn Jüngermann kann ich hier durchaus nachvollziehen.

    Etwas an seinem Artikel hat mich allerdings enorm gestört und das bezieht sich nicht auf die Situation in in unserem kleinen Provinzstädtchen.

    Jüngermann wirft dem Bürgertum einen neuen Sport „Politiker erpressen“ vor. Das ist mir persönlich ein wenig zu einfach.

    Die erste Frage, die ich mir im Angesicht dieser Entwicklung doch stelle ist, warum der Bürger diesen „neuen Sport“ entdeckt hat.

    Allenthalben wird geklagt, dass das Interesse an der Politik geschwunden ist. Aber auf einmal werden neue Gestaltungsmöglichkeiten entdeckt und Politiker sollen sich sich erpresst fühlen?

    Ist Bürgerbeteiligung dann generell Erpressung? Dann wären Wahlen ja auch Erpressung. Was für eine schlimme Zeit für Politiker.

    Aber dafür gibt es einen Trost: Nach der Wahl ist man nicht mehr dem Wähler, sondern nur noch dem Gewissen verpflichtet.

    Die ganze „Erpressungssituation“ nun zwischen den Wahlterminen noch einmal durchmachen zu müssen, war bisher nicht geplant und ich finde es erstaunlich, wie manch Politiker auf diese Situation regiert.

    Einige werden nervös und entblößen erhebliche Unkenntnisse unseres politischen Systems.

    Zwar weiß man, dass man seinem Gewissen verpflichtet ist, vergisst aber, dass der Bürger die eigentliche Legislative des Staates ist.

    Aber wer läuft auch schon immer mit dem Grundgesetz rum?

  2. Dank Internet sind die Bürger heute informierter, können Argumente der Politiker leichter selbst recherchieren.

    Ungereimtheiten und Widersprüchliches fällt dadurch auf, das wirft dann natürlich Fragen auf.

    Unbequem wird es dann für Politiker und Lobbyisten, wenn diese Fragen sachlich und faktisch nicht vollständig und klar beantwortet werden. Da fallen Masken.

    Wären Argumente stimmig, ob in Stuttgart oder in Wanlo, dann würden die Menschen das auch verstehen. Die meisten, die demonstrieren, sind doch keine Grundquerulanten oder verbohrten Mitmenschen. Es fallen eben nur Ungereimtheiten auf, die Politiker nicht hinreichend erklären können.

    Die Beantwortung der Einwändungen der Wanloer, zwingt alle dazu, nochmal gründlich nachzudenken. Was Politiker nicht erklären können, muss nun die Verwaltung und die NVV übernehmen. Das ist doch erst einmal gut für alle Beteiligten.

    Gereizt reagieren Bürger außerdem zunehmend, wenn klar wird, dass einerseits überall – und gerade bei Stellen, die Bürger spüren – gespart wird, aber andererseits für manche „Wirtschaftsförderung“ zu Lasten vieler und zum Nutzen Einzelner Geld da ist.

    Die Standardantwort ist dann „Arbeitsplätze“ oder „das eine hat mit dem anderen nichts zu tun“.

    Arbeitsplätze schafft auch eine Schafherde auf der Wiese: ein Schäfer, Wolle zur Fabrik, Fleisch für den Metzger.

    Arbeitsplätze schafft auch eine Biogasanlage auf der gleichen Wiese: Bauarbeiter, Anlagenbetreiber. Das kann man doch drehen und wenden wie man will.

    Und die Mark kann ich auch nur einmal ausgeben, also ist es doch richtig zu überlegen, wohin die Summe aller Einnahmen fließt.

    Also ist es auch für die Steuerzahler gut, wenn Bürger kritisch nachfragen, was wofür ausgegeben und subventioniert wird. Es ist schließlich leichter, fremdes Geld auszugeben als das eigene.

    Presse sollte Bürger nicht beschimpfen, sondern Bedenken ausgewogen präsentieren. Gerade weil sich auch deren Leser über das Internet zusätzlich informieren.

    So ein RP-Kommentar ist gründlich daneben, der hat den Zeitgeist noch nicht mitbekommen.

    Oder aber die RP sichert sich nur ihre NVV-Werbeanzeigen und Beilagen. Unabhäniger Journalismus ist das an der Stelle jedenfalls nicht. Da bin ich schon von der RP enttäuscht.

  3. Wenn das Einmahnen von Transparenz, das Einmahnen unserer demokratischen Grundrechte, das Einmahnen von Vernunft, das Einmahnen von Ernstnehmen der Bürger, das Offenlegen von Missständen als Erpressung aufgefasst wird, dann bin ich gern ein Erpresser.

    Allein das Einmahnen hat es ja mitgebracht dass vielleicht nachgedacht wird. Vielleicht……allein mir fehlt, mal wieder, der Glaube.

    Niemand hat versucht, einen der Politiker zu diskredittieren. Man wollte und will einfach Antworten und Stellungnahmen. Wenn das zu viel verlangt ist, „erpresse“ ich weiter.

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